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liebend, fanatisch, grausam, eroberungssüchtig und ehrgeizig. Die Zuthaten von Einsicht, Tapferkeit, Gerechtigkeit, Treue und Frömmigkeit, welche er in gewissem Grade und nach türkischem Massstabe wohl besessen haben mag, sind ihm von den phantasiereichen und schmeichlerischen Geschichtsschreibern gewiss als oratorische Epitheta ornantia beigelegt worden. Besass er jene Vorzüge aber wirklich in besonders hohem Grade, so wäre er eine so ausserordentliche Ausnahme, dass Lessing ausser ihm keinen Andern, sowohl in der Geschichte der Vergangenheit als der Gegenwart, würde haben finden können. Die alten Erzählungen von Saladin's Weisheit und Treue sind aber nicht 80wohl Geschichte als vielmehr Novellen zu nennen. Kurz Lessing's Nathan und Saladin sind Musterbilder, wie alle Menschen sein sollten. Wenn es nicht ihr Name und gelegentliche Erwähnung verriethen, würde man nicht wissen, wer Jude oder Türke oder Christ wäre. Gerade wie man in dem Lustspiele ,,die Juden“ in dem Reisenden ohne sein eigenes Bekenntniss und ohne die Aussage seines Dieners Christoph keinen Juden erkennen würde, so ist auch Nathan kein Jude, Saladin kein Muselmann. Sie mussten als specifischer Jude oder Muselmann erscheinen, um zu beweisen, dass das Wesen ihrer Religionsformen mit dem Christenthum im Grunde gleich und dasselbe sei. Nathan und Saladin sind aber Ideale, von denen Lessing das eine einen Juden, das andere einen Muhamedaner sein lässt, Ideale, die unter Juden und Türken nie gelebt haben oder je leben werden. Diese Ideale selbst aber sind nur in und von dem Geiste eines im Christenthume, noch dazu in dem Hause einer edlen ächt christlichen Predigerfamilie erzogenen, in christlichen Schulen und unter christlichen Einflüssen aller Art gebildeten Denkers erschaffen. Kein jüdischer, kein muhamedanischer Dichter hat je die innere Anschauung solcher Urbilder höchster Weisheit und Tugend gehabt. Es ist wahr, Nathan's und Saladin's Aussprüche sind goldene Früchte auf silbernen Schalen, aber die ein christlicher Denker und Dichter einem Juden und einem Türken geliehen hat, um damit die Armuth ihrer aus dem Talmud und dem Koran geschöpften Weisheit zu verdecken und sich mit den glänzenden Schätzen des Evangeliums den Schein eigenen Reichthums und gleicher Herrlichkeit zu geben. Es ist wahr, ,,Nathan der Weise“ ist ein Meisterstück der Phantasie und Poesie, das je vom Geiste ächter Humanität eingegeben und geschaffen worden ist. Aber dieser Geist der Humanität, der allgemeinen Menschenliebe und höchsten Menschenwürde, lebt und waltet nur in dem Gottesreiche des Evangeliums, in den weiten Reichen des nichtchristlichen Asien, Afrika, Amerika und Australien hat er nie und nirgends eine Menschenseele beglückt und erleuchtet. „Nathan der Weis e“ selbst, dass er nur und erst unter Christen allein und von einem Christen gedichtet wurde und werden konnte, ist der stärkste und glänzendste Beweis, dass das Christenthum unendlich über allen Religionen, selbst über der des Judenthums und Muselthums, hoch und erhaben ist.

Einen grossen Theil oder in der That wohl den grössten Theil seines Ruhmes verdankt ,,Nathan der Weise“ dem Gleichnisse von den drei Ringen. Bei der Aufführung concentrirt sich auch meist nach der Erzählung dieses Gleichnisses die ganze Kraft und Stärke des Beifalls. Auch jetzt noch glaubt Jeder sich in dem Masse als einen grossen Geist und Denker zu documentiren, je tüchtiger er nach den Worten: „So sagte der bescheidene Richter“ in die Fäuste schlägt. Er dürfte aber damit gerade das Gegentheil kund thun. So oft ich diesen Beifallssturm ausbrechen hörte, befiel mich stets ein stilles Mitleid über die Unkenntniss und Gedankenlosigkeit des sogenannten gebildeten Publicums.

Das Gleichniss von den drei Ringen hat Lessing nicht selbst erfunden, sondern vielmehr aus dem Boccaccio entlehnt, und zu seinem Zwecke zu dem gegenwärtigen Inhalte und Sinne umgeformt. In der Urquelle dieses Gleichnisses wird der ächte Ring auf das Christenthum bezogen, während die beiden unächten eben dem Judenthume und Muselthume gelten. Der ächte Ring ist der dem Christen gegebene Ring, „der über allem Reichthum der Welt ist.“ Nach der Quelle des Gleichnisses sowohl als nach der Lessing'schen Darstellung will sich Nathan mit der Erzählung desselben auch nur aus der Verlegenheit helfen, die eine Religion der andern vorziehen zu müssen. Er sucht mit dem Gleichnisse einer bestimmten Antwort auf die an ihn gerichtete verfängliche Frage des Saladin auszuweichen und den Sultan mehr zu hintergehen als zu belehren. Er sagt ja selbst: „nicht die Kinder bloss speist man init Märchen ab.“ Kurz er will ihm nicht die Wahrheit oder seine wahre Ueberzeugung mittheilen. Der einfache offenbare Zweck und Sinn der Erzählung ist: zu erklären, er vermöge nicht zu entscheiden, welches die wahre - Religion sei, da alle drei Religionen einander gleich erscheinen. So sehr auch die Beredtsamkeit des dazu ersonnenen Gleichnisses glänzen und blenden mag, 80 wenig vermag es vor einer strengen Kritik seines Inhaltes zu bestehen und etwa die Ansicht wirklich zu begründen: dass alle Religionen an sich einander gleich seien, keine vor der andern. den Vorzug verdiene. Ohne alle Einzelheiten des Gleichnisses in's Auge zu fassen, möge hier nur hervorgehoben werden, dass die drei Ringe in der That einander nicht gleich waren, dass der ächte Ring „von unschätzbarem Werthe“ wirklich nur Einer war, dessen Edelstein die geheime Kraft besass, vor Gott und Menschen angenehm zu machen, ein Ring, der nur dem geliebtesten Sohne blieb. Nur Einer hat demnach den ächten Ring, die beiden Andern haben gewiss unächte Ringe. Nur soll der ächte, ursprüngliche Musterring nicht erweislich sein, fast so unerweislich, als uns jetzt der rechte Glaube. Auf die drei Religionen angewendet erscheint nun das Gleichniss bei strengerer Prüfung so lahm als irgend eines. Die drei Religionen sind einander keineswegs, weder im Aeussern noch im Innern, so ähnlich, wie zwei einem dritten täuschend nachgemachte Ringe; das Christenthum, der ächte Ring, ist vielmehr durchaus und sehr leicht von den andern beiden Religionen, den unächten Ringen, zu unterscheiden, theils an seinen Dogmen, an seinen gottesdienstlichen Einrichtungen und kirchlichen Gemeindeverfassungen, theils und vorzüglich an den sittlichen Principien, an den Wirkungen und Segnungen im Geist und Leben einzelner Menschen wie ganzer Nationen, so dass sein innerer Werth und seine Aechtheit ganz unzweifelhaft offen am Tage liegt. Ebenso sind Glaubensstifter und Glaubensurkunden so wesentlich und augenscheinlich verschieden, dass man am allerwenigsten sagen darf, Gott der Vater selbst, der den ächten Ring gab und die zwei unächten nachmachen liess, vermöge die ächte Religion von der unächten nicht zu unterscheiden, dass sogar alle drei Urheber der im Gleichnisse durch die drei Ringe bezeichneten Religionen Moses, Christus und Muhamed, als „betrogene Betrüger“ gelten könnten. Es ist unverkennbar, dass Lessing hierbei die berüchtigte Schrift de tribus impostoribus im Sinne gehabt hat.

In gegenwärtiger Zeit thut es wohl Noth, das Gefühl vom Werthe des Christenthumes lebendig und fruchtbringend in's Bewusstsein der Menschen zu pflanzen; in gegenwärtiger Zeit, wo sich hinter der Maske von Humanität und Toleranz die Unholde des Indifferentismus, des Synkretismus, des Weisheitsdünkels und der Philosophasterei so schlau zu verbergen wissen. Eine vergleichende Erinnerung an die Religionsunterschiede dürfte daher wohl für Viele ebenso heilsam als willkommen erscheinen.

Jeder Denkende und wahrhaft Gebildete, welcher nur einigermassen in das innere Wesen einer Religion, d. h. ihrer Grundidee, ihrer Hauptlehren und Principien und deren Verhältniss zu dem Inhalte oder Gehalte einer andern Religion einzugehen versteht, wird sofort erkennen und einräumen, dass das Christenthum, wie es in den Schriften des Neuen Testaments, namentlich den Evangelien, dargestellt ist, wie es sich selbst in seiner Kraft und Segnung für ganze Völker und einzelne Menschen kundgegeben hat, den unbestreitbarsten Vorzug vor allen andern Religionen, dass es die offenbarste Vollkommenheit besitzt. Wenn man Religion mit Religion vergleicht, so kann man natürlich nicht die Ausartungen oder Verirrungen zum Massstabe wählen, welche sich durch ihre Bekenner in die äussere Erscheinung oder Gestaltung derselben, in den öffentlichen Gottesdienst, in die religiösen Gebräuche, in die Handlungen und Massnahmen der oder jener besondern Glaubensseite, dieser oder jener Zeitperiode oder Zeitrichtung oder wohl gar in die Denk- und Handlungsweise einer einzelnen Persönlichkeit im Laufe der Zeit nach und nach oder hier und da eingedrängt haben. Am allerwenigsten darf bei der Vergleichung der Religionen ein Verfahren in Anwendung gebracht werden, bei welchem die eigenthümlichen und eben unterscheidenden Lehren und Grundsätze der einen Religion ganz bei Seite gesetzt, die zeitlichen und zufälligen Verirrungen und Ausartungen in der Geschichte der andern Religion geflissentlich an's Licht gezogen werden, zur concreten Veranschaulichung in Bezug auf die eine nur eine aus dem Reiche der Ideale herbeigezauberte Individualität, hinsichtlich der andern eine im Reiche grober Wirklichkeit überall vorkommende Persönlichkeit dargestellt wird. Dieses Unrecht hat Lessing begangen, indem er in seinem Drama die wesentlichen Unterschiede des Judenthums und Muselthums ganz unbeachtet lässt, so dass man, wie schon bemerkt, weder in dem Nathan einen Juden, noch in dem Saladin einen Türken erkennt, dagegen unter dem Christenthume jenes Aggregat von Dogmen und Meinungen, von Satzungen und Gebräuchen versteht, welche im Laufe der Zeit theils in den kirchlichen Parteiungen, theils in der wirklichen Lebens- und Handlungsweise besonderer Individuen hervorgetreten sind, die äusserlich an- und eingelernt werden, ohne auf Herz und Gesinnung einen nothwendigen Einfluss zu üben, indem er ferner Nathan und Saladin dem fanatischen Patriarchen gegenüber stellt, der freilich bei der Aufführung mancher Bühnen im eigentlichen Sinne ganz aus dem Spiele gelassen wird. Wie schon angedeutet, kann nur der innerste Geist, das eigentliche wahre Wesen, der tiefste und dauernde Gehalt der Religionen, die wesentlich unterscheidende Eigenthümlichkeit in den Gesichtskreis einer unparteiisch und unbefangen vergleichenden Betrachtung gezogen werden. Treten die verschiedenen Religionen hiernach einander im Wettstreit gegenüber, so wird ein ernstes und strenges Schiedsgericht gewiss nicht in Zweifel sein, welcher Religion der Preis zuerkannt werden müsse; es wird eine ganz andere Sentenz fällen und keineswegs die Entscheidung dahin geben, dass allen Religionen gleiche Kraft, gleicher Werth, gleiche Würde beizumessen, dass der rechte Glaube jetzt so unerweislich sei, als der ächte Ring gegenüber von zwei anderen, die ihm eben in der Absicht zu täuschen und die Unterscheidung unmöglich zu machen, ohne Sparung von Kosten und Mühe vom geschickten Künstler auf's Vollkommenste nachgebildet worden sind.

Es kann hier nicht die Absicht sein, alle Religionen der Welt nebeneinanderzustellen. Es wird auch wohl Niemand in den Sinn kominen, z. B. den Götzendienst und Aberglauben

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