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paar Stunden mit dem Gedanken an Dich zu verträumen; aber auch das war vergebens. Oben war Picknick und hilf Himmel! was für ein Geigen und Pfeifen, Stampfen und Springen, Knarren der Balken, Zittern der Wände, Klingen der Gläser in den Fenstern und der Pendüle. Ich erwartete das Ende der Welt. Glücklicher Weise erinnerte ich mich aus meinem Katechismus, dass die Welt einmal durch Feuer, und einmal durch Wasser, so viel ich aber weiss, nie vermittelst eines Balles untergehen soll. Das machte mich ruhiger, aber nicht munterer. Da ich nicht an Dich denken konnte, wollte ich an nichts denken, und das Nichtdenken war das Einzige, was mir heute gerieth. Ich sass eine Stunde obne ein Zeichen eines vernünftigen Geschöpfes von mir zu geben, als dass ich zweimal das Licht putzte. Dazu mag so gar viel Verstand nicht gehören; aber ich habe es doch nie von einem unvernünftigen Viehe, weder von einem Elephanten, noch von einer Käsemilbe gesehen.

Es ging auf neun; ich warf meinen Pelz um, und wanderte nach Vauxhall, wo ich einige meiner Bekannten von der bande joyeuse beim Spiel anzutreffen hoffte. Vergebens; ich trat in einen kalten, finstern Saal, worin Niemand, als anderthalb Dutzend Stühle waren, mit denen ich leider nicht tanzen kann, weil ich Gottlob! nicht die Doctorin Müller bin. Das Schlimmste war, dass die Küche eben so kalt und finster war, wie der Saal; unterdessen versprach man mir zu essen, wenn ich warten wollte.

Ich wartete. Endlich kam das Essen, das ich Dir beschreiben will, denn da Du diesen Brief vermuthlich Deiner guten Freundin, der Geheimen - Justizräthin zeigen wirst, so wollte ich gern, dass sie etwas darin fände, das sie interessirte. Da war ein Eierkuchen, sechs Schnitt rothe Rüben, zwei Stück Bisquit und alte Butter, der man die Gestalt von ganz frischer gegeben hatte. Das alte Wesen in der neuen Form erinnerte mich natürlicher Weise an die Mutter Schachten in ihrem modigen Sonnenhute. Ich liess meinen ganzen Zorn an dem Eierkuchen aus, den ich, bis auf ein fingerbreites Stück, ausrottete. Du wirst in der Beschreibung der Zerstörung Jerusalems finden, dass es der Kaiser Titus eben so machte, er liess nur einige

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wenige Thürme übrig, zum Zeichen, dass einmal eine Stadt dagestanden habe. Ich beschloss meine Mahlzeit damit, dass ich meinen Wein zum Fenster hinaus in's Wasser goss. Ich hoffe nicht, dass ihm das ungewohnt vorkommen soll; einige Theile von ihm sind vermuthlich schon darin gewesen, und freuen sich, wohlbehalten zu den lieben Ihrigen zu kommen.

Ich war jetzt ganz munter, beschäftigte mich so selig mit dem Gedanken an Dich, mit dem, was ich Dir schon danke und noch danken werde! Diese Ideen machten mich so glücklich, ich hätte noch viele Stunden in ihnen verträumen können. Ich dachte wie Nantchen:

O Gedächtniss, schon in Dir
Liegt ein ganzer Himmel mir!
Worte, wie sie abgerissen,
Kaum ein Seufzer von ihr stiess,
Hör ich wieder; fühl sie küssen,
Welche Sprache sagt, wie süss!
Sieh', ein Thränchen! Komm herab,
Meine Lippe küsst Dich ab!

Könnt' ich so in mich gehüllet,
Ohne Speis' und ohne Trank,
Nur so sitzen Tag für Tag,
Bis zum letzten Herzensschlag!

Herr Westernacher*) dachte unterdessen anders, er konnte es unmöglich ansehen, dass dem fremden Herrn im Saale die Zeit lange währen sollte. Er kam, rieb die Hände, und merkte an: „Mit den amerikanischen Nachrichten dauert es lange.“ ,,Sehr lange,“ antwortete ich finster. Aber mein Mann liess sich so leicht nicht abweisen. Er brachte in der Geschwindigkeit eine Armee geschwinder wie einen Eierkuchen -- zusammen, und nun gerade auf den General Washington zu. Für mich war es ein erwünschter Umstand, dass er am rechten

*) Nach gefälliger Mittheilung des Herrn Archivratbs Kestner zu Hannover,

wurde Westenacher's Gasthaus von der besten Gesellschaft viel besucht, und besonders von älteren Herren des guten Weines wegen gerühmt. Es wäre daher möglich, dass der feurige Liebhaber Leisewitz in seiner ärger. lichen Stimmung dem Renommée des Westenacher'schen Weinkellers Unrecht gethan hätte.

Flügel zu hitzig angriff; denn da er darüber die Posten am linken versäumte, und hier gerade die Saalthür war, so entwischte ich glücklich.

Zu Hause empfing man nich sogleich mit einem Cottillon, so gerade über meinem Kopfe, als ob er auf meinem Hute getanzt würde. Ich eilte zu Bett, und schlief, ohne einmal von Dir zu träumen.

Den ganzen Tag nichts von Dir gesehen, als zwei Finger breit von Deiner Stirn, als ich Mittags vorbeiging. Das ist an sich sehr viel; aber sehr wenig, wenn man mehr hätte haben können.

Und nun, schönste Schehezerede, wenn Ihr noch nicht schlaft, so habt Ihr eine sehr schöne Historie gehört. Gott verhüte, dass ich Euch nicht oft dergleichen zu erzählen habe!

Sonnabends, den 29.

Ich könnte heute ein neues Capitel schreiben, wie es Deinem Ritter weiter ergangen, und was er weiter für Ebenteuer bestanden; aber nur kurz. Gestern Morgen lässt mich die Alberti auf Zwiebeln bitten, und ich hoffe, Euch da eben so gewiss zu finden, wie die Alberti und die Zwiebeln. Als ich mich betrogen fand, wollte ich Nachmittags gerade zu Euch. Eure Rouleaux waren herunter. Wenn Ihr heute nur in's Concert kommt!

Ungeachtet ich Dir diese verdriesslichen Dinge komisch erzählt habe, um Dir und mir die Pille zu vergülden: so ist mir die Sache doch höchst fatal. Ich würde selbst besorgt sein, wie ich eine so lange Abwesenheit von Dir ertragen werde, wenn ich nicht bedächte, dass diese grosse Begierde, um Dich zu sein, und dieser Verdruss in der Möglichkeit und fehlgeschlagenen Wahrscheinlichkeit, zu Dir zu kommen, liegt. Ich hoffe von dieser Seite Erleichterung, wenn ich beinahe so viel Meilen, wie jetzt Schritte von Dir entfernt bin. Aber was wird mir die Zeit langsam gehen, die mich zu Dir bringen muss! Was wird es mir wehe thun, dass jede Minute eine Minute dauert!

Meine Gedanken, meine Wünsche, meine Gebete werden unterdessen immer um Dich sein, wie Dein Schutzengel, der gewiss der beste, Dir am nächsten verschwisterte Engel sein muss, Und dann, wenn Du auf ewig mein wirst, wenn ich Dich erst an meine Brust drücke, und an Deiner zerschmelze! - Der Henker mag weiter, wer den Gedanken haben kann, schreibt gewiss nicht weiter!

Nro. 5.

Braunschweig, den 5. Februar (1778?) Mein bestes Mädchen! Morgen! Morgen! Briefe von Dir! Ich glaube nicht, dass der Fürst von Taxis, - der Mann ist des heiligen römischen Reichs Erb-General-Postmeister, und hat viele Prozesse deswegen geführt, wie Du längst wissen müsstest, wenn Du nicht leider die grösste Ignorantin im Staatsrechte wärest, die ich kenne, - ich glaube nicht, dass der Fürst von Taxis sich so viel um die Posten bekümmert, wie ich. Glücklicher Weise wohne ich zwischen zwei Posthäusern, und kann da so recht nach Herzens wunsch mein Wesen haben. Ich verstehe auch die Posthörner so gut, wie ein Zauberer das Vogelgeschrei, weiss, wann Peter von Wolfenbüttel und Witten Johann von Peine bläst. O was ist Johann von Peine für ein herr-> licher Mann! Und wenn ich dann Deine Briefe habe, so

muss mich wirklich niemand sehen, als der so verliebt ist, wie ich. Wenn ich auch nur ein weisses Blatt erhielte, von dem ich wüsste, dass Deine Hand darauf gelegen hätte, dass Du es an Deinen Mund, an Deinen Busen gedrückt hättest, so könnte mich das schon Stunden lang beschäftigen. Nun schliesse, was Deine Briefe thun, aus denen ich immer sehe, dass Du ein vortreffliches Mädchen, und mein Mädchen bist.

Verzeihe mir; zuweilen deucht mir meine Liebe so stark, dass es mir scheint, sie müsste die einzige in ihrer Art sein, und es wäre unmöglich, dass Du mich so lieben könntest, wie ich Dich ; und ich bin auch so vernünftig in aller Demuth einzusehen, dass das so unbegreiflich nicht wäre. Denn,

Denn, liebe Sophie, wenn zu einer glücklichen Ehe genaue Gleichheit der

Vorzüge erfordert wird, so sind wir ein unglückliches Paar! Doch ich vergesse, dass unter Deine Vorzüge auch die Bescheidenheit gehört.

0, mein herrliches Mädchen, Du beschäftigst mich immer. Wenn ich meine Meublen ansehe, so denke ich so oft: „Auf dem Stuhle wird sie sitzen, die Schlüssel wird sie bei sich tragen,“ und ich wollte um vieles nicht, dass Du auf dem Bette nicht gesessen hättest, in dem ich schlafe. Morgen! Morgen! Briefe von Dir!

Leise witz.

Nro. 6.

Braunschweig, Sonntags, den 15. Febr. 1778. Meine gute Sophie! Endlich ertappe ich doch einmal eine Stunde, um an Dich zu schreiben, und kein Geschäft soll mich davon abhalten. Sagt die Bibel nicht selbst: „Sechs Tage sollst Du arbeiten, und den siebenten an Dein Mädchen schreiben?“ Ueberdem bin ich heute so wohl, so munter, dass Dir der Morgen natürlicher Weise zugehört, da er einer der besten ist, die ich in langer Zeit gehabt habe. Wenn ich mich müde gearbeitet habe, so ist es mir wirklich zuwider, Dir in einer noch übrigen Viertelstunde einen matten Brief zu schreiben. Das heisst, wie die Theologen von den Bekehrungen im Alter sagen, dem lieben Gott geben, was der Teufel übrig gelassen hat. Die Sonntagsmorgen sind mir überhaupt so angenehm, das ist der Geburtstag unserer Liebe. Ich erinnere mich so oft des Ganges aus dem Bosquet, vor dem Hause vorbei, den Garten links hinauf in die Orangerie; an das Zittern; an den Kuss! Das waren Zeiten! - Doch sie werden wiederkommen. Es wird so gut wieder Frühling werden, als es damals war, ungeachtet es jetzt Winter ist. -- Dergleichen Gedanken, an denen ich mein Glück wiederhole, sind mir jetzt die angenehmsten; Deine Briefe bei Tage, und meine Träume des Nachts ausgenommen, weil ich es in den letzteren vergesse,

dass ich von Dir getrennt bin. Wie oft bin ich schon mit Dir im Elysium gewesen, wie oft

Archiv f. n. Sprachen. XXXI.

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