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bebt. Diese romanischen Charaktere sind nicht für die deutsche Tragödie geeignet. Richelieu - der Soldat Montglat erzählt es mit Bewunderung brauchte auf dem Todtenbette seinen Feinden nicht zu verzeihen, denn er hatte keine anderen gehabt als die des Staates. Gregor VII. stirbt im Exil, weil er die Gerechtigkeit geliebt hat. Allerdings, da ist Heroismus, da ist Bewunderung. Wie anders ein Gustav Adolf mit seinem tief ahnenden, ergreifenden Todesgefühl gegenüber der wie anbetend knienden Einwohner Naumburgs! Da ist tragische Schuld! Da ist Mitleid, da ist Furcht! Wie anders der innere Kampf eines Cromwell, besonders wenn man sich verurtheilt, in V. Hugo's mindestens sonderbarem Drama die Spuren von Gefühlen zu suchen, in welche nicht einmal der Protestant Guizot -- sonst doch ein ivmo Bugihxos eingedrungen zu sein scheint.

Wie verwandt ist nun aber diesem geschlossenen Heldencharakter auch dem Blute nach jener des Römerthums, der Kern des Römischen Wesens, der Stoicismus, wie er sich in sich zusammenzieht und der Welt den Eingang wehrt; auch da ist kein Bruch, kein Schuldgefühl: impavidum ferient ruinae. Rüttelt aber die Welt an ihm, dann löst sich der starre Muth und in gewaltigem rhetorischen Pathos affirmirt er sich selbst: victrix caussa deis placuit sed victa Catoni. Daher die allgemeine Bewunderung der Franzosen für den Lucan, deshalb haben sie, mit Ebert zu reden, ihr welt historisches Verdienst darin, auf die Antike hingewiesen zu haben, wie sehr auch dieser allgemeine Ausdruck schiefer Auslegung unterliegt. Hier ist die Wurzel jenes abstracten römischen Staatsheroismus, den der aus dem antiken und celtischen Blut zugleich stammende Trieb zur Einheit hervorbringen musste, wie er in Richelieu (Horace Pompée Auguste) seinen erhabenen, späterhin seinen scheusslich carikirten Ausdruck gefunden hat. Das ist der Weg von Cinna bis zu Charles Neuf, dem Vorspiele der Revolution.

Ich fasse zusammen und eile zum Ende. Ludwig der Heilige Chanson de Roland Bayard Rodrigues Auguste Richelieu Polyeucte Jeanne d'Arc. Dann die typischen Figuren des gentilhomme, honnête homme, charakteristich in unseren Zeiten des Soldaten [auch Jul. Schmidt hebt dies hervor, und die Franzosen wimmeln von Stellen, welche das klarste Bewusstsein davon verrathen,] und endlich carikirt und doch feinerem Blicke erkennbar, wie aus dem Gotte Thor im Märchen ein Schneidergeselle geworden ist, der Lebensvirtuose, Robert Macaire und seine Genossen.

Zwischen Geschichte und Poesie ist ein tiefer Zusammenhang diese Behauptung wollte ich für die französische Tragödie nachweisen. Sie ist der Kern der Literatur des Jahrhunderts Ludwig's XIV., ihr mächtigstes Instrument für ihre Herrschaft über andere Völker. Wir haben uns losgemacht von ihr für immer, alles was sie wollte, haben wir in höherem Grade geleistet. Dennoch hat sie, als Repräsentantin des französischen Volksgeistes und durch ihren theilweise unübertroffenen Styl Ansprüche auf Anerkennung.

Diese hat ihr auch in der Dramaturgie Lessing viel niehr gewährt, als man das gewöhnlich betont. Wahrhaft erkannt in ihrem Werthe wird sie erst, wenn man sie zusammennimmt mit den gleichzeitigen Manifestationen des französischen Volksgeistes in seinem grossen Jahrhundert.

Die Darstellung dieses Jahrhunderts ist eine Aufgabe, die, in ihrer ganzen Grösse, ihren weltumfassenden Beziehungen nach, nur in Deutschland gelöst werden kann, denn nur in Deutschland wird Weltgeschichte geschrieben. Wenn wir so, wie L. Ranke für die politische Geschichte gethan hat, unseren Nachbarn culturgeschichtlich einen Spiegel ihres Geistes vorhielten, der sie zur Selbsterkenntniss führen müsste so hätten wir ihnen die Einflüsse reichlich zurückgezahlt, die wir ihnen murrend verdankten oder dankend ablehnten. Aber ich erneuere den Krieg nicht, erstens weil ich ihn nicht wünsche, zweitens weil einer Gesellschaft für das Studium der neueren Sprachen doch auch eine Mission der Völkervereinigung zu gemeinsamen, wissenschaftlichen, künstlerischen, sittlichen Colturzielen obliegt, drittens, weil die Franzosen sich gerade in diesem Augenblick so redlich bemühen, ich nenne Ernest Renan, Emile Montégut und die Revue Germanique, deutschem Geiste eine würdige Stätte bei sich zu bereiten. In diesem Sinne, hochgeehrte Herren, auf dem Gebiete der Kunst und Wissenschaft, soll mein Vortrag ein Weg sein von Waterloo nach Belle-Alliance. Berlin,

Goldbeck

Ueber indische Sagen.

Als nach den welterschütternden Ereignissen zu Ende des vorigen und im Anfange dieses Jahrhunderts die geistigen Kräfte sich wieder zu regen begannen, und der Athem einer neuen Zeitepoche auch in Kunst und Wissenschaft lebendig wurde, zog namentlich die Volksdichtung vorzugsweise das Interesse auf sich. Zwar dem durch die Spitzfindigkeiten und Frivolitäten des vorhergehenden Zeitraums verderbten und überfeinerten Geschmack wollte die kräftige Kost anfänglich nicht recht zusagen, obgleich sie von den bedeutendsten Männern nicht nur in ihrem vollen Werthe gewürdigt, sondern zugleich' als wirksames Mittel erkannt wurde, um das Verständniss für einfache und naturwahre Poesie wieder zu wecken. Während Wieland noch umstrickt war von jenen üppigen Tändeleien einer unächten romantischen Muse, regte sich bereits in seiner nächsten Umgebung der Keim frischeren Geisteslebens, und die Forschung nach den Schätzen und Quellen unserer eigenen nationalen Volkspoesie sah sich bald reichlich belohnt durch die nähere Kenntniss der deutschen Heldensage. In neuerer Zeit ist diese Kenntniss in Folge der verdienstvollen Bemühungen Simrock's 0. A. auch in weiteren Kreisen verbreitet worden und da hiermit die PAicht gegen die einheimischen Götter erfüllt ist, dürfen wir nun auch mit freierem Blicke nach denjenigen Schätzen sehen, welche die Ferne bietet.

Die Volksdichtungen fremder Nationen, jene urkräftigen ersten Aeusserungen des erwachenden poetischen Schaffens, haben an und für sich schon das grösste Anrecht auf unser Interesse, und dieses Interesse steigert sich, sobald wir erfahren, dass sich im Schicksale aller dieser nationalen Dichtungen gewisse Uebereinstimmungen finden. An ihnen haben Jahrhunderte umgedichtet, das ursprüngliche Gepräge ist vielfach verändert worden, aber Alle haben sie den Kern bewahrt, welcher den Charakter des Volkes zeigt, aus den sie hervorgegangen sind.

Das geistige Schaffen überragt Raum und Zeit. Aus dem ferngelegenen, Jahrhunderte lang von einem geheimnissvoll märchenhaften Zauberglanz umschleierten Indien, der Heimath eines der ältesten Culturvölker der Erde, treten die Gestalten uralter Sagen uns entgegen. Scheu und zaghaft nähern wir uns, sie zu prüfen; und siehe, - Jahrhunderte, ja Jahrtausende sind darüber hingezogen, Geschlechter auf Geschlechter starben aus, Sitten, Gebräuche und die äusseren Formen des Lebens haben sich verändert, aber die ewigen Gefühle der Menschenbrust sind dieselben geblieben, und was uns heute noch das Herz erhebt, bewegt und erschüttert, das ist es, was auch jene Gestalten mit dem unsterblichen Hauche des menschlich Schönen und sittlich Guten belebt.

Nachdem die Herrschaft der Engländer in Indien befestigt war, nahm auch das Studium der orientalischen Sprachen in Europa einen grösseren Aufschwung. Als Georg Forster, der weitgereiste, klarblickende Mann, zu Anfang dieses Jahrhunderts das indische Drama Sakuntala zuerst in Deutschland einführte, übersetzte er dasselbe nach der englischen Ausgabe des Sir William Jones, der als Oberrichter in Bengalen angestellt und Gründer der ersten gelehrten Gesellschaft war, welche Licht über die Geschichte und Poesie Indiens verbreitete. Forster machte seine Freunde in Weimar auf die neueröffneten Quellen der Poesie in Indien aufmerksam und Herder, welcher ihren Werth sogleich erkannte, pries es als ein besonderes Glück, dass die Geistes- und Gemüthsschätze Indiens in die Hände der Engländer gekommen seien, da diese einsichtsvolle Nation jedenfalls auch diese Schätze früher oder später auf Gewinn anlegen werde.

Sir William Jones war denn auch der Erste, der das Studium des Sanskrit, der geheiligten Sprache des alten Indien, in Europa anregte und dadurch den Grund zu den wichtigsten philologischen Entdeckungen legte. Es fand sich, dass alle indogermanischen und somit alle europäischen Sprachen im Sanskrit ihre Wurzel haben, und da die Sprachforschungen am sichersten auf die verwandtschaftlichen Beziehungen der Nationen untereinander führen, so durfte man hoffen, der Lösung jener ewig grossen Frage nach dem Ursprunge aller menschlichen Cultur einen bedeutenden Schritt näher gekommen zu sein. Natürlich steigerte sich mit dem Interesse für die Ursprache der neueren Culturvölker auch das für jene uralten heiligen Volksdichtungen der Inder, welche vor Jahrtausenden in dieser Ursprache gedichtet wurden.

Als die hervorragendsten dieser poetischen Schätze erscheinen die beiden grossen Sagenkreise „Ramajana“ und „Mahabarata,“ nicht nur ihres hohen Alters wegen unzweifelhafte Forsehungen lassen dasselbe auf mehr als dreitausend Jahre annehmen - sondern auch deshalb, weil sie im Zusammenhange stehen mit den Weda's, jenen ältesten schriftlichen Denkmälern der indischen Cultur, in welchen das System der moralischen Grundlage des dortigen religiösen Bewusstseins bis zur Gegenwart enthalten ist. „Mahabarata“ und „Ramajana“ sind also, gleich den jüdischen Stammessagen, die zur poetischen Gestaltung gebrachte Sittenlehre, in Verbindung mit den ältesten kosmogonischen und historischen Ueberlieferungen.

Als Verfasser des Ramajana wird Valmiki genannt, doch ist es wahrscheinlich, dass die beiden Sagenkreise der Inder, ebenso wie die griechischen und deutschen Helden- und Göttersagen, eine Zusammenstellung der im Volke lebenden uralten mündlichen Ueberlieferungen sein werden, und dass Valmiki ebensowenig eine historisch streng beglaubigte Persönlichkeit ist, als die angeblichen Verfasser der Jiade, des Nibelungenliedes und anderer Volksdichtungen.

Wie die indogermanischen Sprachen, so erweisen sich auch die Sagen der indogermanischen Völkerstämme miteinander verwandt. Zwar hat der raubere Norden die Gestalten in reckenhafter Weise gestählt und mit dem Maasse der Leiber wuchsen auch die Leidenschaften zu gewaltiger Stärke an, denn die Poesie eines Volkes ist der Reflex der äusseren Natur, die es

Archiv f. a. Sprachen XXXIJ.

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