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Wüsste sie sich zu entschuld’gen,
Schuldig, keiner Schuld bewusst?
Und er kehrt mit blutigem Schwerte
Sinnend zu der stillen Wohnung;
Da entgegnet ihm der Sohn:

Wessen Blut ist's! Vater, Vater!“
Der Verbrecherin! „Mit nichten!
Denn es starret nicht am Schwerte
Wie verbrecherische Tropfen;
Fliesst wie aus der Wunde frisch.
Mutter, Mutter! tritt heraus her!
Ungerecht war die der Vater,
Sage, was er jetzt verübt!"
Schweige! Schweige!'s ist das ihre! -
,,Wessen ist es?" - Schweige! Schweige!

Wäre meiner Mutter Blut??
Was geschehen, was verschuldet?
Her das Schwert, ergriffen hab' ich's !
Deine Gattin magst Du tödten,
Aber meine Mutter nicht!
In die Flammen folgt die Gattin
Ihrem einzig Angetrauten,
Seiner einzig theuren Mutter
In das Schwert der treue Sohn.“

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Halte! Halte! rief der Vater,
Noch ist Raum, enteil', enteile!
Füge Haupt dem Rumpfe wieder,
Du berührest mit dem Schwerte
Und lebendig folgt sie Dir.
Eilend, athemlos erblickt er
Staunend zweier Frauen Körper
Ueberkreuzt und so die Häupter ;
Welch' Entsetzen! welche Wahl!
Dann der Mutter Haupt erfasst er
Küsst es nicht, das Toderblasste,
Auf des nächsten Rumpfes Lücke
Setzt er's eilig, mit dem Schwerte
Segnet er das fromme Werk.

Aufersteht ein Riesenbildniss.
Von der Mutter theuren Lippen,
Göttlich-unverändert-süssen
Tönt das grausenvolle Wort :
Sohn, o Sohn! welch' Uebereilen!

Deiner Mutter Leichnam dorten,
Neben ihm das freche Haupt
Der Verbrecherin, des Opfers
Waltender Gerechtigkeit!
Mich nun hast Du ihrem Körper
Eingeimpft auf ewige Tage;
Weisen Wollens, wilden Handelps
Werd ich unter Göttern sein.
Ja des Himmelsknaben Bildniss
Webt so schön vor Stirn und Auge,
Senkt sich's in das Herz herunter,
Regt sich tolle Wuthbegier.

Immer wird es wiederkehren,
Immer steigen, immer sinken,
Sich verdüstern, sich verklären,
So hat Brama dies gewollt.
Er gebot ja buntem Fittig,
Klarem Antlitz, schlanken Gliedern
Göttlich einzigem Erscheinen
Mich zu prüfen, zu verführen;
Denn von oben kommt Verführung
Wenn's den Göttern so beliebt.
Und so soll ich, die Bramane,
Mit dem Haupt im Himmel weilend,
Fühlen Paria dieser Erde
Niederziehende Gewalt.

Sohn, ich sende Dich dem Vater!
Tröste! - Nicht ein traurig Büssen,
Stumpfes Harren, stolz Verdienen
Halt' euch in der Wildniss fest.
Wandert ans durch alle Zeiten,
Wandert hin durch alle Welten
Und verkündet auch Geringstem:
Dass ibn Brama droben hört!

Ihm ist Keiner der Geringste
Wer sich mit gelähmten Gliedern,
Sich mit wild zerstörtem Geiste,
Düster, ohne Hülf’ und Rettung,
Sei er Brame, sei er Paria,
Mit dem Blick nach oben kehrt,
Wird's empfinden, wird's erfahren,
Dort erglühen tausend Augen,

Ruhend lauschen tausend Ohren,
Denen nichts verborgen bleibt.

Heb' ich mich zu seinem Throne,
Schaut er mich, die Grausenhafte,
Die er grässlich umgeschaffen,
Muss er ewig mich bejammern,
Euch zu Gute komme das.
Und ich werd' ihn freundlich mahnen,
Und ich werd' ihm wüthend sagen,
Wie es mir der Sinn gebietet,
Wie es mir im Busen schwellet.
Was ich denke, was ich fühle
Ein Geheimniss bleibe das.

Es ist hier nicht der Ort, auf die tiefsinnigen religionsphilosophischen Gedanken näher einzugehen, welche Goethe dieser indischen Legende, die manche Vergleiche mit Elementen der christlichen Mythen zulässt, einverleibt hat; der Hauptgrundgedanke dürfte sich wohl darin zusammenfassen lassen, dass vor Brama kein Ansehen gilt und dass der Höchststehende und Edelste in der Stunde der Versuchung dem Geringsten gleichsteht. Als Schluss folgt noch der Dank des Paria:

Grosser Brama, nun erkenn' ich,
Dass Du Schöpfer bist der Welten!
Dich als meinen Herrscher nenn' ich,
Denn Du lässest alle gelten.

Und verschliessest auch dem Letzten
Keines von den tausend Ohren;
Uns, die tief herabgesetzten,
Alle hast Du neu geboren.

Wendet euch zu diesen Frauen,
Die der Schmerz zur Göttin wandelt,
Nun beharr' ich anzuschauen
Den, der einzig wirkt und bandelt.

Das Aufsehen, welches die neu erschlossenen Quellen der indischen Poesie in Europa machten, fand, wie bereits erwähnt, vorzugsweise in Deutschland Anklang. Eine Reihe bedeutender Dichter und Sprachforscher beschäftigten sich mit der Uebertragung und Erklärung derselben. Zu Goethe's Zeit übersetzte der Orientalist Kosegarten, der Sohn des Dichters gleichen Namens, mehrere indische Werke, namentlich das Panchatantra, oder die fünf Bücher indischer Fabeln; später folgten Schlegel, Rückert, Boppu. A., welche theils durch getreue Uebersetzungen, theils durch Bearbeitung einzelner Theile sich um diesen Zweig der Literatur verdient gemacht haben. Was den deutschen Lesern ganz besonders anziehend an diesen freunden Geistesblüthen erscheinen musste, war neben der zarten Empfindung namentlich die Pracht der Naturschilderung. Die eigenthümliche üppige Schönheit der unermesslichen indischen Wälder , deren hohe Bäume von wuchernden Schlingpflanzen bedeckt sind, der Glanz tausendfarbiger Blüthen, die mit süssem Duft die Sinne umweben, dann die Stille des majestätisch Aliessenden heiligen Stromes, an dessen Ufern eine gestaltenreiche Thierwelt wohnt alles dieses findet sich in den Dichtungen der Inder mit lebhaftem Natursinne geschildert. Dieser lebhafte Natursinn steht im innigsten Zusammenhange mit der Lehre von der Seelenwanderung, welche auf die indischen Sagen ihrerseits wieder von grossem Einflusse war und namentlich den Thieren oft eine höhere Intelligenz beilegt. Elephanten und Affen nehmen, an den Kriegszügen mitunter in sehr selbständiger Weise Theil, Gazellen und Antilopen sind die Freuddinnen und Gespielinnen der Königstöchter, oder der Trost einsam Büssender.

So unter Andern in einer Episode aus dem Mahabarata, die uns Friedrich von Schack in seinen Stimmen vom Ganges sehr schön wiedererzählt. Dort hat sich nämlich der Sohn der Sakuntala, deren Geschichte ebenfalls ursprünglich aus dem Mahabarata entnommen ist - nach langer segensreicher Regierung als Einsiedler in den Wald zurückgezogen, um nur dem Anschauen Brama's zu leben. Eines Tages fand er am Stromesrande eine junge hilflose Antilope, die er zu sich nahm und an welche sein Herz sich anschloss. Durch dieses Geschöpf wurde sein Sinn wieder vom Schöpfer selbst abgezogen es war ihm gleichsam als Versuchung zugesandt, und da seir Sinn sich wieder erdenwärts durch ein Gefühl gewendet hatte. so musste er nach dem Tode, statt zu Brama, dem Urgeist

. heimzukehren, nochmals eine Körperform durchwandern, indem er als Gazelle wiedergeboren wurde. In dieser Dichtung kommt ein Gebet des Barata vor, worin es unter Anderm schön und erhaben heisst:

Höchster Welthort! Sonne des Lebendigen!
In dem Lotoskelch der ganzen Schöpfung
Schwebst Du als ihr Duft! Die Andacht bist Du
In den heiligen Schriften, bist die Weisheit
In des Sehers Geist, die Kraft im Helden
Und die Liebe in des Liebenden Seele!

Vor längerer Zeit unternahm Professor Holtzmann in Heidelberg eine sehr verdienst volle Arbeit, indem er die beiden grossen indischen Sagenkreise einem genauen Studium unterwarf, aus dem Mahabarata sowohl wie aus dem Ramajana den eigentlichen Kern herausschälte, und alsdann auch noch mehrere der schönsten Episoden daraus selbständig bearbeitete.

Unter dem Titel „die Kuruinge“ giebt Holtzmann den dem Mahabarata zu Grunde liegenden Vernichtungskampf zwischen den Geschlechtern der Söhne des Kuru und des Pandu, welche beide von göttlichem Ursprunge sind. Die geschilderten Kampfesscenen nehmen oft einen etwas verwirrenden Charakter an, ohne jedoch der Grossartigkeit in Gruppirung und Scenerie zu ermangeln.

Von den Episoden aus dem Mahabarata ist besonders die von Bopp und Rückert und neuerdings ebenfalls von Holtzmann bearbeitete Erzählung „Nal und Damajanti“ viel bekannt. Die unbegrenzte Treue der Königstochter Damajanti, welche ihrem Gatten Nalas ins tiefste Elend folgt, und selbst von ihm verlassen, ihm dennoch treu verbleibt und ihn wieder aufsucht, gehört zu den rührendsten Zügen dieser uralten heiligen Dichtungen der Inder.

Im Ramajana wird die siebente Menschwerdung des Wischnu gefeiert, von dessen sechster Incarnation als Parasurama bei Gelegenheit der von Goethe bearbeiteten Legende die Rede war. • Die Einleitung ist wieder eine Erzählung von ergreifender Schönheit.

Dasaratha, Ajozja's Beherrscher, als dessen Sohn Wischnu

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