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Die Aeneide,

ein National

epos.

§ 15. Vergils Gedicht ist ein Nationalepos, das eben so sehr das Interesse der gebildeten Römer, wie des Kaisers erregen musste.

Das Schicksal hat die Auferstehung Trojas in einem fremden Lande und sein Anwachsen zu einem Weltreiche beschlossen: wie die Keime trotz aller widerstrebenden Mächte zu diesem Weltreiche gelegt werden von einem Ahnen des ruhmreichen Herrschers, welcher zur Zeit der Abfassung des Gedichtes an der Spitze dieses Weltreiches stand, dieses poetisch zu verklären und zu verherrlichen ist die Aufgabe, die unser Dichter, so weit es sein plötzliches Hinscheiden gestattete, voll und ganz gelöst hat. Vergil ist der Dichter des neuen Reiches des Augustus, aber Augustus wird von ihm nur verherrlicht, insofern er die römischen Dinge aus kläglicher Verwirrung gerettet, den Weltfrieden begründet und das römische Volk zu seinem Berufe zurückgeführt hat. Er hat seine Stelle in der römischen Geschichte, welche sich dem Dichter als Mittelpunkt der Menschengeschichte darstellt. Die Aeneide ist national und patriotisch, nicht augusteisch und höfisch.“ (Georgii.)

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Wie Vergil seine Vorgänger in der poetischen Ge-

Die

poetische staltung des Inhalts der Sage weit hinter sich gelassen Form hat, so hat er sie in formeller Hinsicht übertroffen. Was Cicero für die Gestaltung der lateinischen Prosa, das bedeutet Vergil für die lateinische Poesie. Ja der Einfluss, den dieser in formeller Beziehung gewonnen hat, übertrifft den des lateinischen Prosaikers noch bedeutend, insofern Vergils Einfluss auf die späteren Dichter ein absoluter war; ja selbst auf die Prosaiker wirkte die Macht seiner Diktion mehr als die des Schöpfers der lateinischen Prosa. Die späteren Epiker zehren von den reichen Brosamen, die von der Tafel des Meisters fallen. Seine Sprache und sein Vers sind seine ureigensten Schöpfungen; was er in dieser Hinsicht vorfand, bei Ennius und Lucretius, konnte für die Kunststufe seiner Zeit nicht genügen. Dass er diese Vorgänger fleissig studiert hat, ersehen wir aus bewussten Reminiscenzen, die er seinem Werke einverleibt hat. Vor allen hat er seinen Homer studiert und zwar mit grossem Erfolge. Trotzdem ist die Aeneis in ihrer Eigenart durchaus selbständig.

Der Charakter

des

$ 17. „In der Aeneide giebt ein erfahrungsreicher, ideen

reicher und formenreicher Dichter das ästhetische Bild Dichters, des Begebenheitslebens seiner Zeit; und er giebt es in Werke auf- reichen feinen Formen und Farben, welche auf den Sinn geprägt. der Zeitgenossen zweckmässig zu wirken vermögen“.

(Plüss.) Vergils weiche, liebevolle, gemütvolle, reine, edle Natur spiegelt sich in den Charakteren seiner Dichtung, vor allen in dem seines Helden wieder. Nur die Feinde desselben, vor allen andern die regina deúm, sind, wie natürlich, ungünstiger gezeichnet. Seinen Helden ziert altrömische pietas, virtus, excelsitas animi. Er ist ein frommer Mensch, ein liebevoller Sohn, ein treuer Freund, ein tapferer Krieger. Er tritt ganz ausschliesslich in den Vordergrund. Was Frauenliebe vermag, hat der Dichter in der Krone der ganzen Dichtung, in dem vierten Buch, das von der Dido Liebe und Tod handelt, psychologisch meisterhaft entwickelt, was wahre Freundschaft ist, das hat er uns in der reizenden Episode des neunten Buches von Nisus und Euryalus gezeigt. Nulla dies un quam memori vos eximet a evo!

Glanz

§ 18. An Glanzpunkten giebt es eine überreiche Fülle in punkte der der Dichtung. Zu den glänzendsten gehören im ersten

Buche die Schilderung des Seesturmes, der den Aeneas an die karthagische Küste schleudert, im zweiten die La oko on partie, im dritten die kleine PolydorScene in Thracien, das ganze vierte Buch, das sich wie ein Drama abspielt, im fünften Buche die Schilderung der Festspiele, im sechsten die Römerscenen im Elysium, im siebenten der Bruch der Verträge, im achten die gemütvolle Darstellung altitalischen Heroenlebens im Verkehr des Aeneas mit Evander und die berühmte Schildbeschreibung, ein Prachtstück nationaler Begeisterung eines echten Patrioten, im neunten die Verherrlichung treuer Freundschaft bis in den Tod in der Erzählung von Nisus und Euryalus, im zehnten der Tod des jugendlichen Pallas, im elften der Heldenkampf und -Tod der Volskerkönigin Camilla, im zwölften endlich der Zweikampf des Aeneas mit Turnus, der büssen muss für den Mord des Pallas. Pallas te hoc vulnere, Pallas Immolat et poenam scelerato ex sanguine sumit, mit diesen Worten raubt er seinem kühnen

gefährlichen Gegner, der die Macht und die Kraft des einheimischen Latium repräsentiert, das Leben -- vitaque cum gemitu fugit indignata sub umbras. Damit schliefst die Aeneis. Aus den Worten des Eingangs dum conderet urbem inferretque deos Latio könnte man vielleicht den Schluss ziehen, dass er die Dichtung, wenn es ihm vergönnt gewesen wäre, noch fortgesetzt hätte.

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Tityrus et fruges Aeneiaque arma legentur

Vergils

Fortleben Roma triumphati dum caput orbis erit

als Dichter. weissagte der geniale, aber ungezogene Liebling der Musen und Grazien Ovid, und diese Prophezeiung ist in einem Sinne erfüllt worden, wie der Prophet selbst es sicher nicht gedacht hat. Was Carl Nauck so schön zu den Worten des unserem Dichter eng befreundeten Horaz usque ego postera Crescam laude recens, dum Capitolium Scandet cum tacita virgine pontifex bemerkt hat: „Keine Vestalin steigt mehr zum Kapitol, und von der Herrin Roma ist nur ein Schatten geblieben; aber der Dichter lebt, und täglich mehrt sich sein Ruhm durch alle Zonen“, das gilt in gewissem Sinne auch von Vergil, wenngleich die Zeit der grössten Herrschaft jedes dieser Dichter verschieden gewesen ist. Vergils Ruhm strahlte am hellsten durch das Mittelalter, Horaz wurde der Liebling aller Gebildeten erst in der modernen Zeit. Dem Fortleben Vergils im Mittelalter in der Litteratur bis auf Dante und in der Volkssage hat der italienische Professor Domenico Comparetti ein eigenes Buch gewidmet, das in deutscher Übersetzung Leipzig 1875 erschienen ist. Eine deutliche Vorstellung von dem Einflusse und der Verbreitung der Lektüre unseres Dichters in der römischen Kaiserzeit giebt Comparettis Bemerkung, dass, wenn auch alle Handschriften des Vergil verloren wären, man mit Hilfe der Notizen, welche uns die Alten über die Dichtungen Vergils geben und der daraus allein von den Grammatikern citierten Stellen Bucolica, Georgica und Aeneis zum grössten Teile rekonstruieren könnte. Die Aeneide wurde Schulbuch im vollsten Sinne des Wortes, „quamquam ad intellegendas eius virtutes firmiore iudicio opus est". Die Verehrung derselben ging bis zum krassesten Aberglauben. (Sortes Vergilianae.) Sie wurde ein heiliges mystisches Gedicht, in dem man die Summe aller Weisheit und Erkenntnis suchte, es erlangte eine Bedeutung, die es in dem latinisierten Europa den

Gebhardi Aeneide. I. 2. Aufl.

II

Wirkungen der Civilisation überhaupt gleichstellte.“ Der Kirchenvater Augustin sagt: Vergilium pueri legunt, ut poeta magnus omniumque praeclarissimus atque optimus teneris imbibitus annis non facile oblivione possit aboleri. Homer kam mit den griechischen Autoren während des Mittelalters mehr und mehr in Vergessenheit, Vergil galt als erster Schriftsteller des ganzen Altertums. Daher widmete ihm der grösste italienische Dichter Dante Alighieri (1265 — 1321) das liebevollste Studium, und sich aus der Seele hat er die Verse geschrieben, die er im zweiten Teile seiner grossen divina Commedia, dem Purgatorio, dem Dichter Statius in den Mund gelegt hat:

Auch meine Glut ist an der Flamm' entsprungen,
Der göttlichen, die Funken ausgesprüht
Und Tausende mit ihrem Licht durchdrungen.
Sie, die Aeneis ist's, die mich durchglüht,
Sie nur war Mutter, Amme mir im Dichten,
Und ohne sie war ich umsonst bemüht.

(Streckfuss-Pfleiderer.) Als seinen Lieblingsdichter, dessen Autorität dem Mittelalter felsenfest stand, der, das Höchste vorahnend, soweit als Heide gekommen sei, als dies überhaupt ohne den Glauben an Christus möglich war, der ihm als Verkündiger des heiligen römischen Reiches deutscher Nation

wählte der tiefsinnige Italiener ihn als Führer auf seiner Phantasiewanderung durch die Hölle und durch das Fegefeuer für den Teil, in welchem die Seele auf menschlichem Gebiete sich zu reinigen und für die himmlische Vision vorzubereiten hat.“ Von grossem Einfluss blieb die Aeneis auf die drei folgenden grossen Dichter der Romanen: Torquato Tasso, Ariost und Camões; wie diese im einzelnen sich zu ihr nachahmend verhielten, werden wir bei der Lektüre der Aeneis anzumerken nicht unterlassen. In Deutschland hatte Heinrich von Veldeke um 1186 eine Eneide nach einer französischen Vorlage, die sich unmittelbar auf Vergil stützt, gedichtet, ein romantisches Rittergedicht, dessen Vergleichung mit dem Original sehr interessant ist; wir werden es daher bei unserer Lektüre hier und da heranzuziehen Veranlassung nehmen. Vor den aufgehenden Sternen des Griechentums erblasste der Glanz Vergils. Seine absolute Herrschaft in den Gelehrtenschulen hörte auf, eine einflussreiche Stellung hat er sich auf den Gymnasien erhalten, die ihm rechtmässig zukommt, und die ihm zu rauben so leicht niemand gelingen dürfte. Hat ihn doch

galt,

unser grösster Dichter ausserordentlich geschätzt und hervorragende Teile der Aeneis mit dem Geständnis übertragen, dass kein gewesener, gegenwärtiger noch kommender deutscher Dichter mit der feinen Organisation und dem musikalischen Fluss der lateinischen Sprache Vergils ohne Nachteil ringen könne.

Fortleben in der

S 20. Mit wenigen Worten soll zum Schluss dieser Skizze Vergils auf einige Fabeln und Märchen hingewiesen werden, die von „dem Zauberer Virgilius“ handeln.

Volkssage. An das Grab des Dichters in Neapel und seinen Aufenthalt daselbst knüpften sich die ersten wunderbaren Erzählungen an, welche, von den besuchenden Ausländern ausgeschmückt und mit andern Sagen vermischt, in der Heimat verbreitet wurden. In der wunder- und fabelsüchtigen Zeit des Mittelalters, als man es liebte, Cäsar mit Saladin, Aristoteles, Tristan, Alexander dem Grossen, Karl dem Grossen zusammenzubringen, wurde der allwissende Poet und Gelehrte Vater des Zauberers Klinschor, selbst Schwarzkünstler, ja zum Sohn der Hölle; sein Name vermischte sich mit Wunder- und Zaubergeschichten jeder Art, er wird meist in Rom oder Neapel wirkend gedacht. Er wird z. B. als Sohn eines Ritters aus Campanien im Ardennerwald bald nach der Gründung Roms geboren, diese Stadt erbebt, als er das Licht der Welt erblickt, er studiert in Toledo, kommt unter König Darius nach Rom zurück, entführt die schöne Sultanstochter aus Babylonien, errichtet in Neapel eine Schule der Schwarzkunst (scuola di Virgilio noch heute in Neapel ein Ort am Strande, wo ein Tempel der Venus gestanden haben soll), lässt sich in Stücke schneiden und einsalzen, um sich zu verjüngen, bringt einen Obelisk mit den Gebeinen des Salomo nach Rom, wo statt dessen die Gebeine Cäsars hineingelegt werden, wird mit der Sibylla als heidnischer Prophet verehrt, gründete Neapel auf einem Ei (Castel dovo!), baute in Rom einen Palast, in dem er Statuen mit Glocken in den Händen aufstellte, welche die unterworfenen Völker darstellten; klang eine Glocke, so war dies ein Zeichen, dass die betreffende Provinz sich empörte; den Neapolitanern hatte er ein bronzenes Rofs verfertigt, das alle Pferde vor Gliederbrüchen schützte, ferner eine ebenfalls bronzene Fliege, welche alle Fliegen von der Stadt verscheuchte, er verbannte ihnen die Schlangen U. S. W. Dass aber derartige Volskssagen noch in diesem

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