ページの画像
PDF
ePub

und Verlangen, das Licht ihrer Augen wiederzufinden, und nicht ahnend, dass sie statt dessen Feuer erwartete. Als sie daher vor der Königin erschien, sprach diese zu ihr mit einem Nero-Gesichte und giftig wie eine Natter: „Ei willkommen, willkommen, du kostbares Frauenzimmer! Du also bist die Metze, das Unkraut, das meinen Mann von mir abzieht? Du also bist die infame Hündin, die mir so viele schlaflose Nächte gemacht hat? Lass nur gut sein! Jetzt bist du in das Fegefeuer gekommen, wo du für das büssen sollst, was du mir angethan hast.“ Sobald Talia die Rede vernahm, fing sie an sich zu entschuldigen, indem sie sagte, dass sie Nichts verbrochen und der König, während sie im Schlafe dalag, von ihrem Grund und Boden Besitz genommen habe; jedoch die Königin, welche keine Entschuldigungen hören wollte, liess im Hofe des Palastes selbst ein Feuer anzünden und befahl, Talia hineinzuwerfen. Da diese nun sah, wie schlecht es mit ihr stand, so fiel sie vor der Königin auf die Kniee und Alehte sie an, ihr wenigstens so viel Aufschub zu gestatten, bis sie ihre Kleider abgelegt habe. Die Königin, nicht sowohl aus Mitleid mit der Unglücklichen, als um sich die mit Gold und Perlen gestickten Gewänder anzueignen, erwiederte daher: „Nun denn, so ziehe dich aus;“ worauf Talia sich zu entkleiden anfing und bei jedem Stück, das sie ablegte, ein lautes Geschrei ausstiess. Als sie nun nach Ablegung des Veberwurfs, des Kleides und des Mieders eben auch den Unterrock herunterstreifte, wobei sie den letzten Schrei vernehmen liess, und man sie bereits fortschleppte, um aus ihrem Körper Asche für die Lauge zu Charons Hosen zu bereiten: eilte der König herbei und wollte beim Anblick dieses Schauspiels wissen, was vorging. Hierauf fragte er nach seinen Kindern, und da er vernahm, dass seine Frau, um sich wegen seiner Untreue zu rächen, sie hatte schlachten lassen, rief er aus: „Ich selbst also war der Wolf meiner Schäflein? Weh mir, warum erkannten meine Adern nicht, dass sie die Quelle ihres Blutes waren? O du schändliche Barbarin, was für eine Grausamkeit hast du begangen? Aber warte nur, es wird dir nicht hingehen; deine Strafe soll wahrhaftig nicht sehr sanft ausfallen.“ So sprechend, befahl er, dass sie in das für Talia angezündete Feuer geworfen würde und zugleich mit ihr auch der Geheimschreiber, welcher der Bube in diesem Unglücksspiel und der Anzettler dieses Gewebes der Bosheit gewesen war. Indem er nun aber mit dem Koch das Nämliche thun wollte, weil er glaubte, dass er die Kinder kleingehackt habe, warf dieser sich ihm zu Füssen und rief aus: „Fürwahr, Herr König, es bedürfte gar keiner andern Sinecur für den Dienst, den ich dir erwiesen, als wenn ich in eine Kalkofengluth geworfen würde, keines andern Kostenersatzes, als wenn man mir einen Pfahl in den Hintern bohrte, keiner andern Belustigung, als mich im Feuer weich zu kochen und braten zu lassen, keines andern Vortheils, als dass die Asche eines Koches mit der einer Königin vermischt würde; aber dies wäre denn doch keine sonderliche Belohnung dafür, dass ich euch eure Kinder, trotz jener mitleidlosen Betze, die sie tödten wollte, gerettet habe, um dir einen Theil deiner selbst wiederzugeben.“ Als der König diese Worte vernahm, blieb er wie versteinert stehen; denn er glaubte zu träumen und konnte nicht glauben, was seine Ohren vernahmen; endlich jedoch wandte er sich zu dem Koch und sprach: „Wenn du mir wirklich meine Kinder gerettet hast, so sei sicher, dass du nicht weiter Bratspiesse drehen, sondern in der Küehe meines Herzens meinen Willen drehen sollst, wie du willst, indem ich dich so belohnen werde, dass Nichts zu deinem Glücke fehlen soll.“ Während der König dies sprach, brachte die Frau des Kochs, welche sah, wie nöthig dies war, Sonne und Mond vor den König, der sogleich anfing bald mit seiner Frau, bald mit seinen Kindern Kussmühle zu spielen, den Koch aber reich belohnte und ihn zu seinem Kammerherrn machte. Hierauf heirathete er Talia, welche nun mit ihrem Gemahl und ihren Kindern ein langes und glückliches Leben führte, nachdem sie erkannt hatte:

„Wem der Himmel wohl will, dem gibt er das Glück im Schlafe.“

Man sieht, dass dieses Märchen, wenn es auch nicht so unschuldig-kindlich wie unser Dornröschen auftritt, dennoch seine eigenthümlichen Schönheiten besitzt. Vergleicht man la Belle au bois dormant in der französischen Märchensammlung, welche Perault 1697 unter dem Titel: Contes de ma mère l’oye herausgegeben hat, so findet man daselbst, ähnlich wie im Dornröschen, sieben Feen als Gevatterinnen bei der Taufe. Eine alte Fee ist nicht mit eingeladen, weil sie fünfzig Jahre lang ihren Thurm mehr nicht verlassen hat. Da sie dennoch während des Gastmahls erscheint, wird ihr ein Teller, aber kein goldener, vorgesetzt, und nun erfolgt, wie im deutschen Märchen, der Fluch. Auch hier tritt der Zauberschlaf der Prinzessin nach der Verwundung mit der Spindel ein. Die übrigen Bewohner und die Thiere des Schlosses werden ebenfalls, aber erst, nachdem sie mit einem Feenstab berührt worden, in Schlaf versenkt. Nach hundert Jahren erscheint als Befreier der Königssohn, dem die Bäume, welche das Schloss umwachsen haben, von selbst Raum geben. Er kniet vor der Belle au bois dormant nieder, und mit einmal wacht Alles wieder auf. Zwei Jahre verweilt der Prinz bei der Geliebten, die ihm eine Tochter Aurore und einen Sohn Jour gebiert. Diese Kinder werden von der alten Königin verfolgt, schliesslich aber doch gerettet.

Merkwürdig sind die Kindernamen Sonne und Mond bei Basile, Morgenröthe und Tag bei Perrault. Man ist versucht an Lichtgötter zu denken, die von der alten Mythe her durchschimmern. Ebenso ist die Beziehung der Sigurdsage unverkennbar. In der Edda küsst Sigurd die durch Odin in Zauberschlaf versenkte Brynhild wach und erfreut sich ihrer Liebe. Statt des Falken erscheint ein Habicht, der sich in das Fenster setzt, wo die Walküre schlummert.

So leben wir noch unbewusst mit unseren alten Göttern und Heroen fort, und auch die romanische Welt ist von ihnen berührt.

Den Namen des neapolitanischen Dornröschens T alia deutet Grimm auf Italia. Karlsruhe.

Karl Aug. Mayer.

Lord Byron.
Eine psychologisch-ästhetische Studie.

Indem ich die nachstehenden Studien und Untersuchungen der Oeffentlichkeit übergebe, ist es nöthig, ein paar Worte zur Verständigung vorauszuschicken.

Die Arbeit ist ursprünglich aus dem doppelten Bemühen hervorgegangen, zu rechtem Verständniss der Dichter und ihrer Werke durchzudringen und zugleich über mein eigenes Wesen mir Klarheit zu verschaffen.

Verblendet durch eine gute dilettantische Begabung für die Kunst, zu der sich eine grosse Vorliebe für Kunststudien gesellt, krankte ich in früheren Jahren an dem Irrthum, dass ich bei rechter Ausbildung ein Künstler hätte werden können. Ich habe lange Zeit mit dieser Thorheit hart kämpfen müssen und schwer darunter gelitten. Ich fand Niemand, der mich recht aufklären konnte. Im Gegentheil wurde ich nur zu oft in meinen Ansichten bestärkt; denn der Wahn, an dem ich litt, ist nur zu weit in der Welt verbreitet.

Endlich gelang es mir, durch Studien und ernstes Nachdenken zu einer Erkenntniss durchzudringen, die ich für die richtige halte. Ich wünsche Jedem, der sich mit mir in gleicher Lage befindet, die innere Ruhe und Freudigkeit zu verschaffen, welche diese Einsicht mir gegeben hat. Ich wünsche dies um so herzlicher, da ich mich durch mein eigenes Schicksal und durch Beobachtung meiner Mitmenschen davon überzeugt habe, dass ein solcher Wahn, der des Verlockenden nur zu viel in sich birgt, sowol denen, die dem falschen Berufe folgen, als auch denen, die eine beständige Sehnsucht danach mit sich herumtragen, eine Fülle von eiteln Sorgen, unnützen Kränkungen, Missmuth und Kummer bereitet und Tausenden das rechte Lebensglück zerstört.

Die Untersuchungen, welche den Unterschied zwischen dem Wesen und dem Schaffen eines Künstlers (Dichters) und eines Dilettanten betreffen, bilden einen wesentlichen Theil nachstehender Arbeit.

Als ich zu dieser gesicherten Ueberzeugung gelangt war, glaubte ich zu erkennen, dass man diesen Unterschied durchaus klar im Auge behalten muss, wenn man Dichter recht verstehen lernen und ein eingehendes ästhetisches Urtheil erlangen will. Ich glaube einzusehen, dass man in Folge der Unklarheit, die in Bezug auf diesen Punkt noch herrschend ist, vielen Dichtern und namentlich Byron sehr bitteres Unrecht gethan habe, und dass Menschen sich als Dichter breit machen dürfen, die nur feinere Dilettanten sind und den „Kuss der Muse“ nie empfangen haben. Gestützt auf oben genannte Untersuchungen unterwarf ich die bisherigen Ansichten über den grossen englischen Dichter einer eingehenden Kritik und suchte die richtige Auffassung darzulegen. Da meine Kritik nicht allein niederreisst, sondern auch aufbaut, so darf ich diese Arbeit, welche lediglich aus dem innern Triebe nach Erkenntniss hervorgegangen ist, mit ruhigem Gewissen der Oeffentlichkeit übergeben.

Vielleicht dürften meine Untersuchungen noch in besonderer Hinsicht von Nutzen sein. H. Hettner sagt in seiner Vorrede zur 3. Auflage von Wilh. von Humboldt's ästhetischen Versuchen über ,,Hermann und Dorothea“ von Goethe Folgendes:

Humboldt wusste, dass es darauf ankomme, die Kantische ,,Kritik der Urtheilskraft“ zu einer Kritik der Einbildungskraft umzugestalten. Er ist der Erste gewesen, welcher, um in heutiger Sprachweise zu sprechen, die Aesthetik wesentlich als Physiologie der Phantasie fasste. Die Aesthetik ist jedoch unvollendetes Bruchstück geblieben. Daher war der Einfluss Humboldt's auf die Fortbildung der Aesthetik kein nachhaltiger und ist sogar mehr, als billig verdrängt worden.

[ocr errors]
[ocr errors]
[ocr errors]
« 前へ次へ »