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Aber Swiatogor ist dem Tode geweiht, Ilya dem Leben. Deshalb übergiebt der Held der Elemente dem Helden des Landheeres seine Erbschaft; „jüngster Bruder“ nennt er ihn; er belehrt den Ilya, und wenn er sterbend ihm seine Kraft übergiebt, als Ilya sich zum Sarg bog und des Swiatogor Heldengeist eingeathmet hatte, fühlte er in sich die Kraft dreimal gewachsen.“ Es war dieselbe Kraft, die er von den Krüppeln empfangen hatte. Aber hier zeigt sich ein wichtiger Unterschied. Swiatogor findet sich nicht, gleich den Krüppeln, zu dem neuen Leben zugelassen, sondern ist dem Tode geweiht. Als er die Kraft übergab, fühlt er, gleich allen mythologischen Wesen, eine Art von Neid. Indem Swiatogor dem Ilya seinen Geist giebt, sucht er ihm auch seine Kraft zu weihen, die bei der neuen Ordnung der Dinge schon „Todesgeist“ wäre, schädlich für den Ilya selbst. Die Krüppel mässigten diese titanische Kraft: jetzt aber wird sie von dem Ilya selbst gemässigt. Auf die Einladung sich noch einmal zum Sarge zu bücken, damit Swiatogor ihm seine ganze Kraft geben möge, antwortet Ilya: „Die Kraft in mir ist gross genug, mich tragen sonst wird nicht das Land.“ Swiatogor gesteht seine böse Absicht ein und lobt den Ilya wegen der Mässigung. „Jetzt, des todten Helden Geist wehte fort“ um spurlos verloren zu gehen, Ilya aber empfing, von dem Repräsententen der vorigen Epoche, nur das, was lebenskräftig war, und umgürtete sich mit des Helden Schwert. Es würde schwer sein, die Begebenheiten in der Welt der Kräfte und Lebensmächte anschaulicher in Bildern darzustellen.

Wenden wir uns wieder zu Swiatogor, um ausser seinem Zusammentreffen mit Ilya, auch seine Beziehungen zu den übrigen genannten Personen zu erklären. Verstossen durch das neue Leben, sahen wir, wie dieser Held dem Erstarren geweiht ist. Das neue Leben im Allgemeinen Land genannt, bei seinen Bestrebungen zum Beharren, hat auch einen Ueberfluss an dem Princip der Bewegung: die Rollen sind verändert. Swiatogor trifft einen Vorbeigehenden: „Er lenkt sein Ross

hinzu, aber kann den Vorbeigehenden nicht ereilen; er läuft - im Trabe, dann langsamer, dann Schritt vor Schritt, aber der

Vorbeigehende ist immer voran. Swiatogor ist gezwungen ihn zu bitten: „Halte doch etwas an.“ Nun hielt der Vorbeigenende an, und „nahm von seinen Schultern ein kleines Quersäckchen und legte es auf die Erde.“ Der Held kann das Quersäckchen nur bis zu den Knien heben, und bis zu den Knien sinkt er in die Erde. Er wundert sich und bekommt die Antwort: „Im Quersäckchen liegt bei mir das Ziehen des Landes. So ist es dasselbe Quersäckchen, das wir schon kennen, dasselbe Land im Sinne des Volkes, das aus der Periode des gährenden Nomadenlebens herausgekommen war. Aber jetzt ausser dem Bilde des Quersäckchens und des Landes, dem vom Leben abgenommenen Bilde, erscheint das lebendige Bild des Landes in Fleisch und Blut. Swiatogor kennt es nicht, er trifft es auf dem Wege; auf die Frage, was es für ein neues Wesen sei, bekommt er die Antwort: „Ich bin Mikula-Selianovitch (Selo Dorf, Selianowitch Bewohner des Dorfes, aus dem Dorf, Landmann).

Ein lebendiges Bild des Landes, des Ackerbauerstandes, ein Landmann, Sohn eines Bauern, Ackerbauer selbst, - erscheint vor uns. Da liegt der Grund, warum die Krüppel dem Ilya verboten „mit Mikulow's Stamm zu kämpfen, ihn liebt sogar die feuchte Erde“; wenn der Repräsentant des Landheeres, desselben Landes, nur in der Bewegung, mit dem Repräsentanten des Landes in der Ruhe oder Beharrlichkeit kämpfen wollte, so würde es heissen mit seinem Vater, seiner Mutter, mit seinem Blut kämpfen, mit den Säften, die im Körper fliessen. Wir übergehen die Umstände, wie Mikula, dem Swiatogor sein Loos und Schicksal voraussagte. Ausser dem Lande und dem Landheere, diesen Principien, die in der modernen Sprache, konservativ und progressiv Erhaltungs- und Bewegungs-Principien genannt werden können, erschien bald in dem sich bildenden Volksstaate ein drittes Element, zugelassen, eingeladen, mit der Bestimmung Schiedsrichter, im Falle des Kampfes zwischen jenen zweien, nach aussen ihr Vertheidiger zu sein, damit dieselben ungehindert sich entwickeln mögen: der Fürst mit seiner Kriegsschaar, als executive Gewalt. Dieses Princip ist auch im allgemeinen Sinne Kriegsschaar genannt, aber eine Kriegsschaar mit dem Fürsten als Haupt. Dieses Princip, welches bald mit dem allgemeinen Volksleben verbunden wurde, ist dennoch ein gänzlich verschiedenes; denn, wer wird z. B. die Helden der Epoche des Woldemar mit der fürstlichen Kriegsschaar verwechseln, die oft den Helden hilft, welche letztere jedoch niemals Bestandttheile derselben werden. Selbst der Woldemar ist in seinen Verhältnissen zu den Helden etwas ganz Anderes, als in Bezug zu seiner Kriegsschaar; dort ist er seinen Grundzügen nach ein liebkosender Hausherr. Zum Unterschiede von dem Landheere wurde die Kriegsschaar fürstliche Kriegsschaar genannt, wir aber können sie von der späteren Ansicht aus Staats-Kriegsschaar nennen, in dem Sinne, dass in ihr der Keim des späteren Staates enthalten ist. Ihre ganze Aufgabe war, dem russischen Lande zu dienen. Nach und nach aber sondert sie sich in ein besonderes Gebiet ab, und im Laufe der Zeit wird Alles getheilt: das Volk und der Staat, beide sind einander gleich. Der Staat durchdringt das Land mit seinen Einrichtungen, das Volk steht durch seine Versammlungen dem Staate nahe. Diese Zustände verschwinden jedoch; das Volk verlässt die Bahn der Geschichte, nur zu den Grenzen seine Landheere ausschickend in der Form der Kosaken. Die Kriegsschaaren wirkten zuerst im Namen des Volkes, aber später gingen sie in den Dienst des Staates über; dann verschwand spurlos das Landprincip; der Staat suchte es zu ersetzen, aber ihm fehlte der Lebensboden. Gemäss der Annäherung zu diesem Schlusse, wird das Staatsleben von dem Volksschöpfungsgeist verlassen und immer weniger durch das Wort der Sage erfüllt.

Der Sageninhalt ist das Alte, sie lebt nur in der Vergangenheit, und ihr Hauptzirkel ist der des Woldemar. Heidelberg

J. Ewreinoff.

Lateinisch und Romanisch.

Mit Bezug auf Scholle's Auffassung der Tochtersprachen und Steinthal's

eigenthümliche Beurtheilung des Romanischen.

Die folgende Darstellung legt das Buch „Ueber den Begriff Tochtersprache. Ein Beitrag zur gerechten Beurtheilung des Romanischen, namentlich des Französischen. Von Franz Scholle“* zu Grunde. Sie bezweckt keine blosse Anzeige, kein Herausheben einzelner Punkte, um daran, wie dies in Recensionen üblich ist, zustimmende oder abweichende Reflexionen zu knüpfen, sondern ist mehr darauf berechnet nachzuweisen, dass der Verfasser durch sein Buch Gedanken Ausdruck gegeben hat, welche zwar durch den Gang der modernen Sprachforschung bei Vielen wachgerufen sein müssen, aber weit davon entfernt sind, sich allgemein eines richtigen Verständnisses und einer gerechten Würdigung zu erfreuen.

Für mich ist das Buch des Herrn Scholle Veranlassung geworden, die Ansichten mehrerer Gelehrten nicht blos über den Begriff Tochtersprache, sondern auch in nahem Zusammenhange damit über das Wesen des Romanischen zu vergleichen. Ich konnte dies sehr gut in Anschluss an die Scholle’sche Arbeit thun, da in derselben alles Wichtige, was auf Entstehung und Entwicklung des Romanischen und auf seine Stellung zu andern Sprachen Bezug hat, zur Besprechung gelangt ist. Demnach haben sich meine Erörterungen nach doppelter Richtung

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Berlin, 1869, im Verlage von Weber (18 Sgr.). Archiv f. n. Sprachen. XLV.

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verzweigt: ich habe - die Hauptgedanken der Scholle’schen Schrift dargestellt, und die bezüglichen Ansichten derjenigen Gelehrten, welche über die Natur der Sprache und der Sprachen geschrieben haben, vergleichend vorgeführt.

Da unter den Schriftstellern, welche ich zu Rathe gezogen habe, die von Steinthal ausgehenden Behauptungen am meisten meine Aufmerksamkeit erregt hatten und meiner Ueberzeugung am schroffsten entgegengetreten waren, habe ich, da ausserdem in der Schrift des Dr. Scholle vielfache Veranlassung dazu vorlag, die Ansichten dieses Gelehrten mit besonderer Neigung erörtert.

Das Wort Tochtersprache enthält in seiner Zusammensetzung nichts Verkleinerndes, nichts Herabsetzendes. Wir sind an ähnliche Composita und gleiche Metaphern gewöhnt, und brauchen die Termini Muttersprache und Schwestersprache ebenso unbefangen wie wir von einer genealogischen Classification der Sprache reden. Bechstein bereichert diese verwandtschaftlichen Verhältnisse der Terminologie ohne Scheu noch mit Zwillingen, indem er Wörtern wie franz. frêle und fragile, essaim und examen, welche Brachet doubles formes oder doublets“ nennt, für deutsche Anwendung den Namen „Zwillingswörter“ beilegt. Wie gesagt, die Bezeichnung Tochtersprache ist an und für sich ebenso indifferent, wie die übrigen ähnlicher Bildung, und wenn sich dabei ein Nebenbegriff eingefunden hat, so liegt die Schuld davon an Ansichten, welche man aus einseitiger Schätzung solcher Sprachen hineingetragen hat. Wenn man von Sprachen primärer und secundärer Formation spricht, wenn man mit letzteren auch die Tochtersprachen bezeichnet, so erklärt sich zunächst für die wissenschaftliche Geltung die Möglichkeit jenes eben erwähnten Nebenbegriffs. Denkt man ferner an die singuläre Stellung, welche die Königsgescblechter unter den Sprachen, wie sie M. Müller nennt, das Griechische und das Lateinische auf Schule und Universität einnehmen, d. h. Sprachen, welche man im Gegensatz gegen Tochtersprachen als Stammsprachen gelten lässt, und hält man daneben die bürgerliche Existenz, welche die neueren Spra

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