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allein oder überwiegend zu beurtheilen. Denn diese hat, nach Heyse's eigenen Worten Seite 230, als Cultursprache der Natursprache entgegengesetzt, meist einen kälteren, mehr künstlichen oder conventionellen Charakter, mehr ein ideelles als reelles Leben, während das Volk selber in seiner Sprache etwas Zutraulicheres, Heimischeres, eine grössere Unmittelbarkeit der Aeusserung hat. Das wird aber bei den secundären Sprachen, bei den romanischen Idiomen gewiss ebenso gut der Fall sein als bei den primären und bei solchen, welche noch mehr Sinnlichkeit der Lautform bewahrt haben sollen, z. B. das Deutsche.

Eimele.

In der Abhandlung des Dr. Scholle ist mehrfach auf Eimele's Schrift „Die wesentlichen Unterschiede der Stammund abgeleiteten Sprachen etc. Berlin, 1862“ Bezug genommen. Diese Arbeit von Eimele fördert die Sache nicht; seine ganze Darstellung geht zu wenig in das Wesen des Gegenstandes ein, und hält sich zuviel an Aeusserlichkeiten. Obgleich voller Bewunderung der Steinthalschen Sprachauffassung, zeigt er doch an einer Stelle S. 6, wo ihm eine Aeusserung aus Steinthal, Charakt. der haupts. Typen der Spr. „ziemlich paradox“ vorkommt, dass er über Ansichten dieses Gelehrten stutzig werden kann. Doch auch bei ihm muss sich das Romanische, zumal das Französische, viel gefallen lassen. Es wäre zu wünschen, dass Trivialitäten wie folgende bei ihm (S. 31 und 32) über französische Satzbildung von ernsten Sprachuntersuchungen ganz fern blieben. „Da dem Franzosen,“ sagt er, „der vor allen Dingen Klarheit verlangt, ein grösseres, verschlungeneres Ganzes schwer zu überschauen ist, da ein zu mächtiger Bissen seine Ungeduld reizt, so hilft ihm, wie ein Verfasser (Wedewer) treffend bemerkt, die Sprache und giebt ihm die Sache theelöffel weise. Das ist dummes Zeug, wie gesagt. Solche Sachen muss man bei Forschungen, die ein tieferes Eingehen auf die Gründe der Erscheinungen voraussetzen, nicht zur Charakterisirung einer Sprache vorbringen. Auch müsste man im Jahre 1862, wo seine Schrift erschienen ist, nicht mehr von plötzlichen Veränderungen sprechen, welche die Tochter

Archiv f. n, Sprachen. XLV.

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sprachen bei ihrer Entstehung aus der Stammsprache erleiden, wie es Eimele Seite 38 thut. Am Schluss, bei der Zusammenfassung seiner Erörterungen, erklärt er: „Eins der Ergebnisse unserer Forschung wird gewiss dasselbe werden als das von dem tiefsinnigen Sprachforscher Steinthal gewonnene.“ Und dann citirt er eine Stelle aus der Charakt, der haupts. Typen des Spr. S. 105. Ich kann nur wiederholen, dass Eimele's Schrift keineswegs dazu beiträgt, eine richtige Auffassung des Wesens der abgeleiteten Sprachen zu begründen.

In dem Versuche von Scholle dagegen ist die schwebende Frage einer so bedächtigen Zergliederung unterzogen, dass ich überzeugt bin, anderen Lesern werde es ebenso wie mir ergehen, dass sie nämlich darauf aufmerksam werden, wie sehr die bisher über das Wesen der Tochtersprachen herrschenden Ansichten fester Begründung entbehren.

Als Ergebnis seiner Untersuchungen stellt Dr. Scholle die Behauptung auf, Steinthal’s Definition von Tochtersprachen sei mit der Ergänzung derselben, die er selbst hinzufügt (- also ist unsere neuhochdeutsche Sprache, 'wie die neugriechische, koptische, englische keine Tochtersprache) nicht in Einklang zu bringen. Entweder sind auch andere neuere Sprachen, fährt er fort, wie Deutsch und Englisch Tochtersprachen so gut wie die romanischen, oder die letzteren sind es auch nicht.

Er wirft sodann die Frage auf, ob sich eine andere Definition aufstellen lasse, und ob überhaupt der ganze Begriff

wissenschaftlichem Werte sei (S. 71)und kommt (S. 74) zu folgendem Endurtheil:

„Der Begriff Tochtersprache ist so unbestimmt und schwankend, dass er von gar keinem wissenschaftlichen Werte ist, und er darf namentlich nicht dazu dienen, den Sprachen, die man der Kürze halber so bezeichnen mag, einen Makel anzuheften.“

Hierauf berührt Dr. Scholle noch die Behauptung von Fuchs in Betreff der naturwüchsigen Fortbildung des Lateinischen zum Romanischen, und tritt seiner Ansicht bei (S. 75), indem er sich in seiner Argumentirung auch auf Schleicher (Die Deutsche Sprache) bezieht, und Pott gleichfalls dafür sprechen lässt.

Hinsichtlich der Frage, ob die jüngeren Sprachen anf

von

ciner niedrigeren Stufe sprachlicher Entwickelung als die älteren stehen (S. 77), weist Dr. Scholle auf die Erscheinung hin, dass mit dem Aufgeben der volleren Wortform die Fähigkeit zum Ausdruck des Geistigen in den jüngeren Idiomen gewachsen sei. In der sehr gelungenen Darstellung dieses Abschnitts lässt er besonders Grimm für seine Ansicht eintreten, dass die neueren Sprachen trotz vieler Verluste den älteren gegenüber nicht als untergeordnete Sprachen zu betrachten seien.

Den Schluss der Scholleschen Schrift bildet eine Betrachtung über die Gründe, auf welchen die misachtende Beurtheilung der jüngeren Idiome beruht. Der Umstand, dass uns der höhere Unterricht eine weit grössere Vertrautheit mit Latein und Griechisch als mit Französisch und Englisch verleiht; der nationale Gegensatz zwischen Deutschen und Franzosen, aus welchem heraus Fichte's harte Beurtheilung des Französischen zu erklären ist;* nationale Sympathien und Antipathien: in diesen Gründen wird mit Recht von dem Verfasser eine Erklärung für das Vorurtheil gesucht, welches selbst in gelehrten und gebildeten Kreisen den romanischen Sprachen, wenigstens in Vergleich mit den sog. klassischen Sprachen, entgegentritt.

Wenn ich in dem Vorangehenden den Gegenstand von verschiedenen Seiten und mit Berufung auf verschiedene Ansichten von Gelehrten beleuchtet habe, so bin ich dazu durch die Erfahrung veranlasst worden, dass über Wesen und Geltung der romanischen Sprachen, speciell des Französischen, vielfach Urtheile gehört werden, welche von der Wahrheit weit abliegen. Namentlich, wenn sich so bekannte Gelehrte wie Steinthal aus einer eigentümlichen Auffassung des Verhältnisses von Wort und Geist in den romanischen Sprachen heraus zu Schlussfolgerungen bewogen fühlen, welche dazu angethan sind, das Vorurtheil gegen die neueren Sprachen fortzupflanzen, scheint es wol an der Zeit, sich dergleichen Erscheinungen genauer anzusehen. Opposition haben namentlich die Steinthalschen Behauptungen 1864 in der Philologenversammlung zu Hannover gefunden. Aus dem im neunten Bande der Germania abgedruckten Bericht über die an Prof. Steinthal's Vortrag sich anknüpfende Debatte ist auf eine ziemlich allgemeine Verwunderung der Versammelten über die Aussprüche Steinthal's zu schliessen. So trat Prof. Th. Müller als Vertheidiger des Satzes auf, dass man das Romanische als eine natürliche Weiterbildung des Lateinischen anzusehen habe. Er bekämpft die Meinung, dass der Begriffs wandel der von Steinthal besprochenen Wörter ein unorganischer sei, und sieht darin nur eine in

* Fichte: Reden an die deutsche Nation, besonders Rede 4 und 5.

allen Sprachen gewöhnliche Erscheinung. Dem Bericht zufolge hielt auch bei der Debatte Prof. Steinthal die Ansicht aufrecht, dass bei der Umgestaltung der Begriffe die sinnliche Anschauung feble. - Prof. Pfeiffer erkannte auch in anderen Sprachen den gleichen Mangel sinnlicher Anschauung in der Begriffsentwickelung. - In Betreff des Begriffswandels wies Dr. Creizenach noch auf die Einwirkung der Kirche mit ihrer Sprache hin, was besonders auf die von merces kommenden Bedeutungen passe; und Dr. Hildebrandt erinnerte an die wunderbare Gemeinsamkeit der neueren europäischen Cultursprachen in der Entwicklung des Sprachgehalts, wobei oft Zufall, oft Entlehnung walte. Ich habe nicht gefunden, dass einer aus der Versammlung Prof. Steinthal beigetreten ist.

Zum Verständnis des Steinthalschen Standpunktes bieten seine Werke vielfachen Aufschluss. Wie er die Behandlung des Sprachlichen auffasst, lehrt eine Stelle seiner Schrift Philologie, Geschichte und Psychologie (S. 50 unten), wo es heisst:

„Die Philologie und Geschichte wird grössere Sicherheit und Klarheit erhalten, ja principiell vertieft und auch wol berichtigt werden, wenn ihr die psychologische Grundlage bereitet wird, wenn zur ästhetischen Construction nach Ideen und zur Erklärung aus Entwickelungsgründen des Geistes die Erklärung aus der Seele, aus psychologischen Gesetzen, hipzutritt.“

Das ist sehr schön, sehr tief.

Jetzt ein Beispiel von dieser Vertiefung der Philologie mit Hülfe der Erklärung aus der Seele. In der Vergleichung des franz. Verbs partir und des deutschen Verbs scheiden in der Abhandlung über das Verhältnis des Romanischen zum Latein* sagt Steinthal:

„Partir ist ganz und gar prosaisch, weil logisch entwickelt, während unser „Scheiden“ von Anschauung und Wehmuth und darum mit Poesie durchtränkt ist. La foudre part de la nue ist die reine Prosa ; der Blitz fährt aus der Wolke. Wenn wir übersetzen: ,,Der Blitz scheidet von der Wolke“, so hätten wir schon, ich möchte sagen, einen Mythos gebildet: der die Wolke umarmende Blitz muss durch ein trübes Geschick von ihr scheiden; es wäre ein ganzes Romeo und Julie.“

Vielleicht geben solche und ähnliche philologisch-historischpsychologische Sprachäusserungen Steinthals ein Recht, seine Beurtheilung des Romanischen eigentümlich zu nennen. Berlin.

Alb. Benecke.

Herrig's Archiv, 1864, Seite 137 – 138.

Philarète Chasles über Fritz Reuter.

Vor einigen Tagen erhielt der Unterzeichnete von dem Herrn Philarète Chasles, dem auch in Deutschland durch seine tüchtigen Arbeiten über deutsche Literatur wohlbekannten Professor der nordeuropäischen Literaturen am Collége de France und Conservateur der Bibliothèque Mazarine daselbst ein in deutscher Sprache abgefasstes Schreiben, mit Bezugnahme auf des Unterzeichneten im XLIV. Bande 1. Heft des Archive erschienenen Artikel „Fritz Reuter in französischem Gewande.“ Herr Chasles giebt zu, dass die in dem erwähnten Aufsatze besprochene französische Bearbeitung von „Ut de Franzosentid“ des Herrn Forgues wohl nicht eine durchaus gelungene sein und auch wahrscheinlich nicht direct nach dem deutschen Originale, sondern erst nach der englischen Uebersetzung von Ch. A. Lewes (erschienen in Collection of German Authors Tauchnitz ed. vol. 4) angefertigt sein möchte und ist so freundlich, manche Bemerkungen jener Besprechung als richtig anzuerkennen und zugleich zwei Nummern des Siècle, vom 17. September und vom 1. October 1869 zu übersenden, in denen sich zwei grössere Artikel des Herrn Briefstellers über Fritz Reuter befinden. Ueberhaupt athmet das ganze Schreiben, durch das der Unterzeichnete sich sehr geehrt fühlt, ein sehr lebendiges Interesse für die deutsche Literatur, wie denn der Herr Verfasser desselben auch ein recht gutes Deutsch schreibt, * sowie einen wahren Cultus für Fritz Reuter, den er

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* Das Studim des Deutschen scheint überhaupt seit einiger Zeit einen

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