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Basiles Zeitgenossen, der Neapel gleichfalls seine Vaterstadt nannte. Wer hat nicht von dem eitlen Wortgepränge, von der Bilder- und Witzjagd und dem Schwulst der Marinisten, deren Echo sich ja auch in unserer Literatur, namentlich bei der zweiten schlesischen Schule findet, vernommen? Liest man den Pentamerone, so kann man zweifeln, ob Basile den beliebten Ton anschlägt, weil er der Strömung der Zeit folgt, oder ob er ihn verspottet. Mir scheint, Beides ist zugleich der Fall; denn wenn er auch seine Concetti reichlich umherstreut, wie ein Carnevalheld seine Confetti, 80 weiss er doch auch wieder den falschen Schmuck zur Seite zu legen und echte Goldkörner der Poesie, die er mühelos aus reichem Vorrath schöpft, zu spenden.

Wir wollen als Beispiel einige Gleichnisse wählen, an denen Basiles Märchen ausserordentlich reich sind. Der Ausdruck : „Beim nächsten Schimmer der Morgenröthe“ oder: „Als der Tag erschien“ ist ihm viel zu trivial; er giebt diesen Gedanken in hundert verschiedenen Wendungen, indem er uns stets ein neues Bild vorführt. So lesen wir: ,, Sobald die Vöglein der Sonne ein Vivathoch zu bringen begannen ;“ oder: „Zur Zeit, WO, von den Trompeten der Hähne geweckt, der Sonnenreiter sich in den Sattel schwang, um die gewohnten Stationen zu durcheilen ;“ oder: ,,Als die Sonne mit dem Strahlenpinsel die Schatten der Nacht hell übermalte ;“ oder: „Um die Stunde, da der Sonnenführer seine Rosse löste, um den Thierkreis zu durchjagen ;“ oder: „Die Liebenden kosten miteinander, bis der Sonnenhirt die Feuerrosse aus dem Stalle zog, um sie auf den von Aurora besäten Feldern weiden zu lassen.“ An andern Stellen rollt der Sonnengott spielend eine goldene Kugel durchs Himmelsfeld; oder er giebt den Schiffern und Boten ein Feuersignal, dass sie bei guter Zeit ihren Weg wieder aufnehmen sollen ; oder er richtet wegen des Siegs, den er über die Nacht gewonnen, Lichttrophäen auf; er schickt die ersten Strahlen als Pioniere um dem nahen Lichtheer die Strasse zu ebnen; oder einfacher, Apoll treibt mit goldenen Ruthen die Schatten vom Himmel weg.

Von der Nacht heisst es: sie stickt Sterne in die Himmelsdecke; sie kühlt das glühende Angesicht der Sonne im Thau;

aus,

sie erscheint in schwarzer Larve, um den Sternentanz anzuführen; sie zündet die Lichter auf dem Himmelskatafalk an, um die Leichenfeier der geschiedenen Sonne abzuhalten. Der Mond steigt herauf, um die Gluckhenne und die Küchlein“ (die Plejaden) mit Thau zu laben.

Von dem Walde sagt Basile, dass ihn die Sonnenrosse meiden, um nicht auf den dunkeln Weideplätzen zu erkranken; von der Waldquelle, dass sie die krystallene Zunge rege, um die Vorübergehenden in ihre Herberge zu einem frischen Trunke einzuladen; von dem Bache, dass er die Steine peitsche, die sich ihm muthwillig in den Weg werfen. Für „sterben“ gebraucht er den schönen Ausdruck: vom Baume des Lebens herabgleiten.

Sind dies nicht Bilder, wie sie nur dem wirklichen Dichter zu Gebote stehen? Aber daneben finden sich auch gekünstelte Gleichnisse ganz im Charakter Marinis, die zwar eigenthümlich sind, aber unserem Geschmacke wenig zusagen. Kehren wir zu den Ausdrücken, womit der Tagesanbruch bezeichnet wird, zurück. Da lesen wir: Aurora bestreicht die Räder des Sonnenwagens mit Fett und wird kirschroth über der Anstrengung. Die Sonne fegt mit dem Reisbesen ihrer Strahlen den Himmel aus; sie wirft den goldenen Angelhaken mit dem Köder des Lichts aus, um die Schatten der Nacht zu fischen; sie steckt die Stoppelfelder des Himmels in Brand. Die Schatten der Nacht, von den Häschern der Sonne verfolgt, fliehen aus dem Lande. Der Hahn, der Spion des Sonnengenerals, benachrichtigt seinen Herrn, dass die Schatten der Nacht abgemattet seien : daher solle er dem kraftlosen Feinde in den Rücken fallen, um ihn niederzumachen.

Die dritte Art von Bildern, deren sich Basile bedient, sind die burlesken, welche auf die Lachmuskeln des Lesers wirken sollen. Wir halten uns wiederum an das Erscheinen des Tages. Basiles Sonne hat sich des Nachts in den Flüssen Indiens einen Schnupfen geholt und macht sich nun eine Motion, denselben wieder auszuschwitzen. Am Abend verschwindet sie von der Weltenbühne, um das Hemd zu wechseln. Sie löscht ihr Licht aus, um, von den Mücken unbelästigt, an den Ufern des indischen Stroms zu ruhen. In den Morgenstunden hört sie als ein Schulmeister den Vögeln cine Gesanglektion ab, und theilt den Grillen Hiebe mit ihrer Strahlenruthe aus, weil sie die Nacht hindurch so viel Lärm gemacht haben. Sie giebt dem Himmel eine goldene Pille als Purganz ein, damit er die Dunkelheit von sich gebe. Aurora erhebt sich, um zur Stärkung ihres bejahrten Gemahls frische Eier zu holen. Sie breitet am Himmelsfenster die rothe Bettdecke aus und schättet die Flöhe herunter; ja, sie leert – kaum wag' ich es in unserem säuberlichen, polizeilich geordneten Deutschland zu sagen

einen gewissen Topf von dem Altan des Himmels aus.

Ueberhaupt sind alle Gleichnisse Basiles, die echt poetischen sowohl wie die verkünstelten und burlesken, der eigenen Anschauung entnommen. Man kann an dem Pentamerone das neapolitanische Leben studiren, wie denn z. B. jenes Eierbringen alte Volkssitte ist, die bei Neuvermählten am Morgen nach der Hochzeit Anwendung findet.

Ich theile hier eine unter dem Titel der Gevatter aufgeführte Geschichte, die freilich ausnahmsweise kein Märchen, sondern ein blosser Schwank ist, nach Liebrechts Uebersetzung (II. 10) mit, um eine Vorstellung von der Art und Weise der Erzählung zu geben.

Es lebte einmal in Pomegliano ein gewisser Cola Jacovo, der Mann der Masella Cronecchia von Resina, ein von Krankheit geplagter, aber steinreicher Mann. Obwohl er nun aber weder Kind noch Kegel hatte und das Geld mit Scheffeln mass, war er doch so knickerig, dass, man mochte ihn drehen, wie man wollte, man ihm dennoch nie auch nur einen rothen Heller aus der Tasche lockte; dabei führte er nicht minder für seine eigene Person ein so kärgliches Leben, dass er aussah wie ein abgemagerter Hund, und alles dies, um nur ja recht viel bei Seite zu legen und zu sparen. Es kam jedoch jedesmal, wenn er sich zu Tische setzte, zu seinem Aerger und Verdruss ein vertrackter Gevatter zu ihm ins Haus, der ihm keinen Schritt vom Leibe ging, und der, als wenn er die Glocke im Leibe und die Uhr in den Zähnen hätte, sich immer gerade zur Esszeit einstellte, zu schwatzen begann und mit grenzenloser Unverschämtheit sich wie eine Klette an ihn hing, dergestalt, dass er ihn auf keine Weise los werden konnte; und so lange zählte er ihnen den Bissen in den Mund, tischte so lange Spässe und Schnurren auf, bis man zu ihm sagte: „Wenn's gefällig ist;“ worauf er, ohne sich lange nöthigen zu lassen, sich zwischen Cola Jacovo und seine Frau drängte und dann, als wenn er vor Hunger und Gier dem Tode nah, seine Esslust wie ein Rasiermesser scharf geschliffen und er angehetzt wie ein Jagdhund wäre, ja als hätte er einen Wolf im Leibe, und mit der geflügelten Schnelligkeit eines vom Gehöft fortgejagten Fuchses sogleich begann, die Hände zu rühren wie ein Pfeifer, die Augen umherzuwerfen wie eine wilde Katze und die Zähne in Thätigkeit zu setzen wie einen Mühlstein, wobei er Kaltes und Warmes hinunterschlang, und ein Bissen nicht den andern erwartete. Wenn er sich nun die Backen gehörig gefüllt, den Wanst angestopft, seinen Bauch einer Trommel ähnlich gemacht, die Schüsseln bis auf den Boden geleert und Alles rein gefegt hatte, ergriff er einen Krug, saugte, trank, leerte, zechte und soff ihn in einem Zug bis auf den Grund aus und ging dann, ohne auch nur „Adje“ zu sagen, seiner Wege, indem er Cola Jacovo und Masella mit einem langen Gesichte sitzen liess. Da diese nun die Unverschämtheit des Gevatters sahen, der, wie wenn es in einen aufgetrennten Sack ginge, ass und frass, schluckte und schlang, ausleerte, abräumte, einhieb, einlud, einwammste, einpackte, fortbrachte, verschwinden machte, vernichtete, zerstörte und verheerte dermassen, dass nichts auf dem Tische blieb: 80 wussten sie nicht, wie sie sich diesen Blutegel, dieses Zugpflaster, dieses Hosenverunreinigungsmittel, diese Purganz, diese unverschämte Fliege, diese Filzlaus, diesen Folterstrick, dieses Ueberbein, diesen schweren Miethzins, diese immerwährende Abgabe, diesen Polyp, diesen Igel, diese Bürde, diesen Kopfschmerz vom Halse schaffen sollten, und nimmer wurde es ihnen so gut, dass sie einmal unbelästigt und ohne diese beschwerliche Zugabe, ohne diese endlose Beschwerde essen konnten, bis eines Tages Cola Jacovo erfuhr, dass der Gevatter sich an einen Beamten, der die Stadt verlies8, gehängt hatte und daher ausrief: ,,Gelobt sei der Himmel, dass wir endlich einmal nach hundert Jahren das Glück haben, ohne diesen Henkersknecht die Zähne rühren, die Backen in Trab bringen und einen Bissen unter die Nase stecken zu können; darum will ich mich einmal lustig machen und Etwas darauf gehen lassen, da man in dieser elenden Welt ja doch nur das geniesst, was man durch die Gurgel jagt. Darum zünde rasch ein Feuer an, liebe Frau; denn da wir jetzt gerade freies Spiel haben und nach Herzenslust essen können, so will ich mir irgend etwas Leckeres, irgend einen delikaten Bissen zu gut thun.“ Indem er dies sagte, lief er fort, um einen schönen Teichhecht, ein Mags feines Weizenmehl und eine Flasche vom besten Wein einzukaufen ; worauf er, nach Hause zurückgekehrt, während seine Frau voll geschäftiger Eil einen schönen Kuchen backte, den Aal selbst briet und sich dann, als Alles fertig war, mit Masella zu Tisch setzte. Kaum aber hatten sie sich niedergelassen, so klopfte Jemand an die Thür, und als Masella ans Fenster trat und den verwünschten Gevatter, den Störenfried ihrer behaglichen Ruhe erblickte, sagte sie zu ihrem Manne: „Niemale, mein lieber Jacovo, kauft man doch ein Pfund Fleisch in dem Scharren der menschlichen Freuden ohne die Knochenbeilage des Verdrusses; man schläft nie auf dem reinen Laken der Zufriedenheit ohne irgend eine Wanze des Aergers ; man trocknet niemals die Wäsche des Genusses ohne den Regen der Unannehmlichkeiten ; so ist jetzt dieser bittere Bissen uns in die Schüssel gefallen, dieses Dreckessen uns in der Kehle stecken geblieben;" worauf Cola Jacovo alsbald erwiederte: „Verstecke rasch die Sachen, die auf dem Tische stehen, hebe sie auf, nimm sie fort, schaffe sie weg, damit er sie nicht sieht, und dann öffne die Thür; denn wenn er das Nest leer findet, so wird er vielleicht klug genug sein, bald wieder fortzugehen und uns die paar Bissen Elend aufessen zu lassen.“ Während nun der Gevatter die Sturmglocke läutete und Alarm schlug, schob sie den Aal in einen Schrank, die Flasche unter das Bett und den Kuchen zwischen die Kissen; Cola Jacovo aber kroch unter den Tisch und guckte durch ein Loch der Decke, welche bis auf die Erde hinabhing, unter demselben hervor. Der Gevatter hatte jedoch durch das Schlüsselloch Alles, was in der Stube vorging, gesehen; er trat daher , sobald geöffnet wurde, mit angenommener Furcht und Bestürzung hinein und sprach, als Masella ihn fragte, was ihm wäre, folgendermassen: „Während du mich durch dein langes Zaudern und Trödeln fast um

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