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Miscellen.

Zur deutschen Grammatik.

1. Unter die (glücklicherweise nicht allzu häufig vorkommenden) Marotuo der modernen Journalistik rechnen wir ferner

h. Ausdrücke wie: In „Die Jungfrau von Orleans“ statt In , der Jungfrau v. Orl.;“ In „Die Ritter vom Geist“ von Gutzkow statt In len Rittern vom Geist ;“ Aus „Die Geschwister“ von Göthe; Aus „Die Günstlinge“ von der Birch-Pfeiffer etc, etc. Der Grund dieser sonderbaren Verbindung liegt offenbar darin, dass man die betreffenden Titel oder Ueberschriften mit buchstäblicher Genauigkeit wiederzugeben wünscht; allein eine solche ängstliche Genauigkeit kann man hier nur als übel angebrachte Pedanterie bezeichnen. Will man durchaus kein Jota an dem Titel eines Stücks oder Buches ändern, so möge man sagen: In dem Schiller'schen Stücke „Die Jungfrau von Orleans ;* In dem Buche „Die Ritter Fom Geist“ etc. etc.; allein das ist gar nicht einmal nöthig. Denn sicherlich wird Niemand etwas Unrechtes darin finden, wenn man in der Weise citirt, dass man den Titel selbst grammatisch abhängig macht von der vorausgehenden Präposition, also: In den Geschwistern“ von Göthe; In „der Schule der Reichen“ von Gutzkow etc. etc. Auch ist diese Ausdrucksweise im Allgemeinen wohl die herrschende, und die andere kano noch als seltenere Ausnabme gelten.

i. Eine merkwürdige Verirrung des Sprachgefühls (um die Sache mög: lichst mild zu bezeichnen) kann man in der Tagesliteratur beobachten bei manchen Verben, die mit Präpositionen zusammengesetzt sind. Zu Dutzenden findet man hier „Knaben oder Kinder, die übergefahren worden sind,“ und zwar nicht etwa „auf einem Kahne über einen Flussa od. dergl. (wie jeder vernünftige Mensch erwarten müsste!), sondern man sagt es von solchen Kindern, die unter einen Wagen gerathen, also überfahren worden sind. Aehnliche Missgriffe macht man mit übersetzen,“ indem man die bekannten beiden Bedeutungen des Wortes (convertere und trajicere) durcheinander mengt oder verwechselt. Als besonders auffallend seien hier zwei Stellen erwähnt aus einer Bearbeitung der Rotteckscben Weltgeschichte von Dr. Zimmermann, Stuttg. 1860. Hier lesen wir Bd. I. p. 148: „Sie übersetzten den Hellespont (transierunt, trajecerunt Hellespontum) und (was noch auffallender ist, Bd. III p. 306: „Sie überführten den Erzherzog Karl nach Lissabon“ statt „Sie führten ihn über nach

aner

Lissabon, brachten ihn dahin.“ Dass auch hier eine sehr unangenehme Vermengung von zwei ganz verschiedenen Bedeutungen des Verbums überführen (traducere u. coarguere od. convincere) vorliegt, bedarf wohl nicht erst der Erwähnung.

Es sei uns gestattet, hier noch eine kurze Bemerkung allgemeinerer Art anzuknüpfen. Sie betrifft gewisse eigent hümlich Schwankun gen, welche uns die mit Präpositionen zusammengesetzten Verben in der gegenwärtigen Entwicklungsperiode der deutschen Sprache darbieten. Es soll hier nicht mehr die Rede sein von so groben Verirrungen, wie die oben bespro benen waren, sondern von Erscheinungen, in denen man ein wirkliches Schwanken des Sprachgebrauches anerkennen möchte. Die Sprache scheint nämlich zuweilen wirklich nicht recht zu wissen, ob sie bei einem Verbum der obigen Art die Präposition noch als trennbar d. h. als selbstständiges Wort behandeln soll oder nicht. Neben „Er erkannte ihn an als s. Herrn und Gebieter“ findet man nicht ganz selten auch schon: „Er kannte ihn als s. Herrn und Gebieter (vgl. Nat-Zeit. vom 8. Dec. 1869). Noch widerstrebt indess diese Ausdrucksweise unserm Sprachgefühl, weil wir die beiden Bestandtheile des Wortes noch zu deutlich herausfühlen. Es wird sicherlich Niemandem einfallen, Verba wie anreden, anrufen, angreifen etc. als untrennbar zu behandeln. Warum will man mit anerkennen eine Ausnahme machen? Dabei soll nicht verschwiegen werden, dass Manches der Art auch bei guten Schriftstellern vorkommt. Vgl. Schill. Gött. Griech. 13 (Sie wider hallen leer); Anast. Grün „Der letzte Ritter,“ 2. Aufl. Stuttg. 1838. p. 177. (So, Fürst, aufragst im Leben Du, kronumglänzter Mann!); ib. pag. 178. (Und dem verlornen Hütlein nachläuft die Heiligkeit. *) Doch darf man nicht vergessen, dass man es hier mit der Dichtersprache zu thun hat, die sich dergleichen Dinge eher erlauben kann.

Zum Schluss seien auch einige Beispiele der entgegengesetzten Art angeführt. Vgl. Iphig. v. G. V, 3, 105 (Gebirg’und Thäler durch zustreifen st. zu durchstreifen); ib. V, 46 (Von tausend durchgeweinten Tag und Nächten st. durchweinten); G. Tancr. IV, 6 (den ungeheuren Schmerzen lag ich unter st. unterlag ich, ein Gebrauch, den nicht leicht jemand vertheidigen wird!); Schill. Fiesko I, 4 (Die Ringmauer des Ranges durchzubrechen st. zu durchbrechen); Wiel., Ausg. v. Gruber, Lpz. 1824, Bd. XII. p. 34 (Lässt man dem Leser zu untersuchen über st. überlässt man es dem Leser zu untersuchen).

II. Damit man nicht glaube, wir hätten es mit unseren Bemerkungen immer nur auf die modernen Journalisten abgesehen, sei es uns gestattet, zur Abwechslung auch einmal einen kleinen Streifzug in das Gebiet der klassischen Literatur zu machen. Man wird dann sehen, dass, wenn jemand darauf ausgeht, auch auf diesem geweihten Boden in grammatischer Hinsicht des Abweichenden und Auffallenden, ja des Sonderbaren und Anstössigen genug zu finden ist. Als Probe wollen wir eine Zahl von Beispielen über das Thema: „Abweichend konstruirte Verba“ zusammenstellen, und zwar wollen wir der Einfachheit halber dabei die alphabetische Reihenfolge beobachten. Auch die Scheidung zwischen poetischen und prosaischen Beispielen soll dem Leser überlassen bleiben. Wir beginnen also mit: Abwehren. c. Dat. (nach der Analogie von dem Simplex wehren, das

bekanntlich oft mit dem Dat. verbunden wird): Plat. Harmos. geg. Ende. (Doch wehrt der Feldherr ihnen ab und spricht sodann etc.). Aergern, sich an einem st. des gewöhnl. über einen: Sch. Fiesko II, 18

* In dem letzten Beispiele könnte man auch eine blosse Inversion annehmen, doch müsste man dann nach läuft als zwei Worte schreiben.

(Ganz Genua ärgert sich an dem Weichling Fiesko = Nimmt Aergerniss od. Anstoss an ihm). Man vgl. dazu „erschrecken an einem st. vor einem od. über einen: ib. I, 10 (An ibrem Vater er

schrickt meine Tochter?). Anwandeln. c. Dat. Less. M. Sara S. III, 6 (Es wandelte ihr jahling

eine kleine Schwachheit an). Befreien. c. Gen.. (nach der Analogie von entledigen od. sich er.

wehren): Wiel, Asg. v. Gruber VIII, 133 (. : . der schwinge sich,

um diese Dame hier des Zaubers zu befrein, auf dieses edle Thier). Begegnen. c. Acc. (nach der Analogie von antreffen); Sch. D. Carl

. III, 3. (Er hatte den Prinzen begegnet st. war ihm begegnet.) Nach derselben Analogie wird auch das Perf. dieses Verbums bis. weilen mit haben gebildet: Sch. Jgfr. v. Orl. III, 4. (Nur einem Traurigen hab' ich begegnet. Man beachte hier wieder den Dat.,

wo man grade den Acc. erwarten könnte.) Begrüssen. m. dopp. Acc. (nach der Analogie von nennen): Anast.

Gr. Der letzte Ritt. (Das ich freuu'gen Stolzes mein Vaterland begrüsse st. als mein Vaterl

. begr. od. grüssend mein Vaterl. nenne) Behaupten ebenfalls m. dopp. Acc.°(nach derselben Analogie): Sch. III,

p. 398 (Ihn treulos zu behaupten = ihn treulos zu nenuen od. ibn

für treulos zu halten). Belehren c. Gen. (nach der Analogie von erwähnen): Wiel. Ob. III,

65 (Glaubst Du nicht, dass Träume dann und wann der Zukunft uns belehren st. über die Zukunft). Wiel. Wrke. XII, 42 (Ihrer Zauberkunst sich recht vollkommen zu belehren st. über ibre Zau

berkunst). Bemächtigen, sich von etwas (nach der Anal. von potiri c. Abl.): Wiel.

XXI, 195 (So hatte sich die Zauberin bemächtigt von Allem was

ich bin). Beneiden c. Dat. u. Acc. (nach d. Anal. von invidere alicui aliqd)! Sch.

D. Carl. I, 4 (Das Einz'ge, was wir ihm beneidet st. um was wir ihn beneidet); Göthe IV, 2 (Wollt Ihr ihm dies beneiden?); XIII, 144 (Sei erst so gross, mir ihn nicht zu beneiden !). Ebenso das Simplex neiden ib. p. 261 (Der Vater neidet den Schatz dem

Sohne beneidet den Sohn um den Schatz). Berauben, einen von etwas (nach d. Anal. von entblössen, privare):

An. Gr. D. letzte Ritt. p. 188 (Dunkel wie im Kerker, beraubt von

Tagesstrahl = beraubt des Tageslichtes). . Bereden m. dopp. Acc. einen zu etwas od. einem etwas ein

reden: D. Carl. III, 4 (Mich wollt Ihr das bereden?) Auch über.

reden findet sich mit dopp. Acc. Göthe XXX, 123. Berichten, einen mit etwas: Sch. IV, 409 (Der Abgrund schlinge mich

hinab, wenn ich mit Lügen Euch berichte Euch Lügen vortraye

od. erzähle). Besinnen, sich einer Sache (nach d. Anal. v. sich erinnern, ge

denken): Wiel. VIII, 168 (Das Beste, dessen sich der weise Mann

besann). Anm. Sehr häufig ist brauchen c. Gen. und zwar in verschiednen Bedeutungen: Vgl. Sch. Jgfr. I, 3 (Ich brauche nicht des Helines

bedarf seiner nicht.); Br. v. M. p. 437 (Nicht mehr der Schwe ster braucht's!) Less. II, 352 (Was brauchst Du denn der Vater überhaupt?) Sch. Turand. p. 370 (Wird er bescheiden seines Rechtes brauchen = einen bescheidenen Gebrauch von seinem Rechte

machen?). L.

Fr. Ad. Wagler.

Infallibilitätscarmen aus dem vorigen Jahrhundert. *

Erster Theil.
Der Heilig Vatter Benedict
Durch mich das Fassnacht-Küchel schickt,

Und sagt, du seyst ein grober Flegel!
Weil du ohn einig Compliment
In Kirchen-Saal bist eingerennt

Ohn Billiet, und ohne Regel.

Er wundert sich schier zum Verdruss,
Dass eine Kuh um Muscatnuss

Und was dergleichen ist soll wissen!
Ey sagt Er: he! mein Corporal
Geb Bandel mir den Kerl recht zahl,

Geb ibm von Grossens Lecker-Bissen.

Kommt Maschera, kommt nur herein,
Ihr müsst vor demasquiret seyn,

Sonst kan ich meinen Zug nicht messen.
Nein, nein es ist kein Fassnacht-Spas,
Die Stihl die springen an die Nas

Dem, der mit Pabst will Kerschen essen.

Ein Pabst ist ein gekröntes Haupt :
Mit Fürsten ist es nicht erlaubt

Zu machen solchen blinden Lärmen.
Ein Hirt, der vor sein Heerde wacht,
Zwar zu des Wolfes heulen lacht,

Und würgt den Wolf mit seinen Därmen.
Was soll denn endlich dieses seyn,
Fällt dir kein andre Masque ein ?

Als rasen, und wie Hunde bellen?
Mein Herr! soviel braucht es ja nicht,
Man kennt den Schatten an dem Licht,

Den Narren kennt man an den Schellen.

Du kleidest dich als Scarron an?
Allein, der ist kein Bidermann

Der falsche Waar und Wechsel führet!
Und führtest du kein Contreband,
So brauchtest auch kein falsche Hand,

Du schriebest, wie es sich gebühret.
Du sagst, Rom sey ein Carneval,
Und die Catholisch Kirchen-Zahl

Steh in dem Narrheits-Buch geschrieben.
Ach, zürne sich der Herr nicht so,
Denn vor ein Narr in Folio

Sind gantze Blätter übrig blieben.

* Der Stumme Advocat, II. u. JII. Wochenstück im Hornung. 1753. Orion Der II. mittägliche Fix - Sterne. oder: Ein unbekannter Fassnachts - Narr. Constanz, redig. von Josef Anton v. Bandel.

Der Ablass heisst dir Ablass-Krąm?
Und Petrus kont doch krum und labm

Durch diesen Kram auf d'Füsse helfen.
Jetz sag mir, wie es sich gebührt,
Wo ist der wahre Kirchenbirt ?

Ist er bei Schafen, oder Wölfen?

Kein Wolf hat nie ein Schaf curirt,
Vielmehr ein Wolf das Schaf verführt,

Das wissen ja sogar auch Bauren.
Als Lutber seine Käthe nabm,
Und ihr entriss den Ehren-Kram

Von den verbottnen Kloster-Mauren.

Mein sag mir doch, was war er wohl?
Sag nur, wie man ihn nennen soll?

Wolf, oder Hirt, und Kirchen-Fackel?
Er warf vlen Ablass hinter Thür,
Und nahme sich ein Weib dafür,

Und dieses ist das gröst Mirackel.

Wenn aber diss Mirackel ist,
So kan auch der Herr Antichrist

Zu seiner Zeit Mirackel machen.
Ja er wird thun, und zwar grad so,
Er will kein Korn, und frisst nur Stroh,

Lacht doch ihr Leut, wer nur kan lachen.

Der Ablass ist das Saamen-Korn,
Desswegen ist er auch ein Dorn

Für jene, die mit Stroh nur handeln.
Werf deines Kopfes Strohstul bin,
Und lern einmal nach Petri Sinn

Gerad und aufrecht daher wandeln.

Les der Aposteln ihr Geschicht,
Allein: les sie mit heiterm G’sicht,

Dass dir die Augen nicht vergehen.
Les auch bei Paulo, wie die Huld
Vertilget des Corinthers Schuld,

Der sich in Blutschand bat versehen.

Weist du dann nicht die Kirchen-Buss
Die jeder Sünder zahlen muss,

Damit er fübl der Sünden Grösse ?
Und dieses zeitlich Straf-Gericht
Wird durch den Ablass gantz vernicht,

Der Ablass kleidet unsre Blösse.

Gesetzt du stärbest gleich dabin,
Und hättest nur aus Geld-Gewinn

Dem Martin Luther Bratwürst g'stohlen.
Ein Bratwurst wär kein schwere Sünd,
Denn wo die andre schuldig sind,

Da könt man auch noch andre boblen.

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