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EINLEITUNG

Bei der Geringschätzung, mit welcher die Römer der älteren republikanischen Zeit Künste und Wissenschaften, in deren Betreibung sie eine Beeinträchtigung ihrer staatsbürgerlichen Pflichten erblickten, ansaben, musste ihnen der Enthusiasmus unbegreiflich erscheinen, mit welchem die Griechen den Gesängen ihrer Dichter lauschten. Als daher freigelassene Sklaven und Nichtrömer zuerst versuchten, die Römer für die freien Schöpfungen des Geistes empfänglich zu machen, so übersetzten sie zunächst griechische Musterwerke, um die Römer einen Blick in den unerschöpflichen Mythenkreis der Griechen thun zu lassen und mit der Wissbegierde zugleich die Liebe zu wissenschaftlicher Beschäftigung zu wecken. So übersetzte Livius Andronicus, der erste römische Schriftsteller, die Odyssee des Homer und Dramen des Euripides und anderer Tragiker. Der Erfolg entsprach seinen kühnsten Erwartungen. Seine Uebersetzung der Odyssee wurde Schulbuch, und seine Bearbeitungen griechischer Dramen wurden mit solchem Beifall aufgenommen, dass sie andere Dichter reizten, den von ihm eingeschlagenen Weg weiter zu verfolgen. Nachdem die Römer aber für das Streben nach höherer Ausbildung gewonnen waren, entstand ein reger Wetteifer unter den römischen Schriftstellern, ihren Landsleuten die Schätze der griechischen Literatur mitzutheilen. Natürlich war es ihnen anfangs dabei vorzugsweise um den Stoff zu thun, die Form wurde weniger berücksichtigt; man war zufrieden, wenn man der rauhen, opgelenken Kriegersprache die Worte und Wendungen abzwang, welche zum Ausdruck des Gedankens nothwendig waren, und bewahrheitete praktisch den Spruch des alten Cato: rem tene, verba sequentur. Es kam nunmehr darauf an, die schlummernden Kråste der Sprache für Rhythmus und Composition zu wecken. Den ersten Schritt dazu that Ennius (aus Rudiae in Calabrien, der Zeitgenosse und Freund des älteren Cato und der Scipionen), indem er durch Einführung des Hexameters das accentuirende Latein in ein quantitirendes verwandelte. „Der Wechsel mochte zuerst", wie Bernhardy bemerkt, „unbedeutend scheinen; allmählich aber lehrte die Wägung der Silben und Wortfüsse auch

Vergil 1. 6. Aug.

auf Stellung und Auswahl der Worte achten, der Werth der Endungen führte zur berechneten Wortbildnerei, das Gefühl des Stiles und der Redegattungen konnte nicht ohne das Rüstzeug einer fein und mannichfaltig geprägten Phraseologie bleiben.“ Was diese Bereicherung des Sprachschatzes bedeute, erkannten die Römer zuerst durch die Entwicklung der Beredsamkeit; denn durch das eifrigste Studium griechischer Muster gelang es dem Cicero, die prosaische Darstellung zur höchsten formalen Tüchtigkeit zu bringen und oratorische Fülle mit periodischer Abrundung zu verbinden. Hinter dieser Ausbildung der Prosa blieb die poetische Darstellung noch weit zurück; Lucretius, der Zeitgenosse des Cicero, verräth sowohl durch die Wahl seines Stoffes (Entwicklung der epikureischen Lebre), als auch durch dessen Bearbeitung, wie viel die römischen Dichter in Betreff der Anlage ihrer Werke, der sprachlichen Darstellung und des Baues ihrer Verse noch von den Griechen zu lernen hatten. Im Gegensatz gegen diese Richtung, welche den neuen Gedanken in das Gewand der alten Sprache kleidete, unternahmen es die Dichter des augusteischen Zeitalters, im engen Anschluss an die Griechen, die Vermittlung zwischen Inhalt und Form zu bewerkstelligen und den Römern eine poetische Sprache zu schaffen, die nach Ablegung der früheren Härten und Archaismen geeignet war, die feinsten Nüancirungen des Gedankens darzustellen und griechischen Wohllaut mit römischer Kraft zu verbinden. Hauptrepräsentanten dieser neuen Richtung sind Vergil und Horaz.

Publius Vergilius (so ist die ältere Schreibung der Handschriften und Inschriften statt Virgilius) Maro wurde zu Andes, einem Dorfe bei Mantua, am 15. October 70 v. Chr. 684 u. geboren. Sein Vater, ein wohlhabender Landmann, der von dem Ertrage eines Landgutes, das er zu Andes besass, lebte, verwandte alle Sorgfalt auf die Erziehung seines Sohnes, liess ihn zu Cremona unterrichten und schickte ihn, als er die männliche Toga angelegt hatte, zu weiterer Ausbildung nach Mailand und dann nach Neapel, wo er den Unterricht des Dichters und Grammatikers Parthenius genoss. Nach mehrjährigem Aufenthalte in Neapel wandte sich Verg. 47 v. Chr. nach Rom, um sich durch den Epikureer Syron, den Freund Cicero's, in die Philosophie und die damit verwandte Mathematik und Physik einweihen zu lassen. Liebe zu den Wissenschaften und zum Landleben so wie eine schwächliche Körperconstitution, die weder den Anstrengungen des Forums noch den Strapazen des Kriegsdienstes gewachsen war, veranlasste ihn auf eine Staatscarriere zu verzichten und sich auf sein Gut zu Andes zurückzuziehen, wo er pun (von 45 v. Chr. an) die Freuden des Landlebens mit empfänglichem Sinne genoss und seine Zeit zwischen der Bewirthschaftung seines Gutes und dem Studium griechischer Dichter, besonders des Theokrit, theilte. In diese Zeit fallen wahrscheinlich die dichterischen Jugendversuche Vergil's, die von den Alten erwähnt werden; doch sind die meisten der kleinen Gedichte, die sich unter seinem Namen erhalten haben (Culex, Ciris, Copa, Moretum, Dirae, Catalecta , Priapea, Epigrammata), wohl nicht von Vergil. Von 42 an aber dichtete Vergil nach dem Vorbilde des Theokrit bukolische Lieder, die dem C. Asinius Pollio, der als des Antonius Legat das transpadanische Gallien, zu dem Mantua gehörte, verwaltete und nicht nur mit der griechischen und rómischen Literatur innigst vertraut war, sondern auch selbst als Redner, Geschichtschreiber und Dichter sich einen Namen in der römischen Literatur erworben hat (vgl. E.3, 86. Hor.c. II, 1), so gefielen, dass er dem jungen Dichter seine volle Gunst schenkte. Aus der behaglichen Ruhe, in welcher Vergil bis dahin gelebt hatte, wurde er im folgenden Jahre durch die Aeckervertheilung gerissen, welche Octavian schon 2 Jahre früher den Veteranen versprochen hatte, jetzt aber erst zur Ausführung brachte. 18 Städte Italiens mit allen ihren Ländereien waren zur Strafe für ihr Festhalten an der Sache des Brutus und Cassius zu diesem Schicksale verdammt, unter ihnen Cremona, die Nachbarstadt Mantua's. Aber die ungestümen Veteranen, welche von der Freigebigkeit der Sieger poch grössere Belohnungen erwartet hatten, griffen bun, da sie sich in ihren Erwartungen getäuscht sahen, eigenmächtig zu und eigneten sich auch die Gebiete benachbarter Städte an. So wurden die Besitzer der Aecker um Mantua von den Veteranen vertrieben (vgl. E. 9, 28), und auch Vergil sah sich in dem Besitze seines Gutes gefährdet. Freilich schützte ihn noch sein Freund und Gönner Asinius Pollio; doch gerieth er in neue Gefahr, als dieser im Herbste des Jahres 41 nach dem Ausbruche des perusinischen Krieges mit seinen Legionen dem L. Antonius zu Hülfe eilte. Erst nach der Zusammenkunft des Antonius und Octavianus zu Brundisium klärten sich wieder die Verhältnisse. Alfenus Varus erhielt die Leitung der Aeckervertheilung im transpadanischen Gallien, und die Gunst des 00tavianus, der Vergil's Talent bewunderte, sicherte dem Dichter den Besitz seines Erbgutes.

In der Ruhe, deren er sich jetzt erfreute, bildete sich Vergil durch das Studium der Griechen zu dem von den Kennern seiner

Zeit hochgeschätzten, von der Nachwelt bewunderten Meister der Dichtkunst. Die Technik des Theokrit, welche er auf das genaueste studirte, lehrte ihn die rhythmische Kraft und Schönheit des Hexameters kennen; methodisch fortgesetzte Uebungen im Uebersetzen einzelner Stellen und mannichfaltige Versuche, in eigenen Gesängen mit dem Griechen zu wetteifern, gaben ihm die grosse Herrschaft über die Sprache, die er in seinem Lehrgedicht über den Landbau und in seinem Epos von der Gründung des julischen Geschlechtes glänzend bewährt hat. Diejenigen Beispiele dieser Uebungen, welche er selbst eines längeren Andenkens werth gehalten hat, sind uns in der Sammlung seiner Eklogen erhalten: denn alle rein bukolischen Gedichte (2. 3. 5. 7. 8. 9.) stammen eben so wie die erste Ekloge, in der er dem Kaiser seinen Dank für die Rettung aus dringender Noth ausspricht, aus dieser Zeit der Vorbereitung (42 — 32 v. Chr.).

Durch diese bukolischen Gedichte begründete Vergil seinen Dichterruhm und erwarb sich treue Freunde und mächtige Gönner. Zu letzteren gehören Pollio, Maecenas und Octavianus; zu ersteren Cornelius Gallus, hochgeschätzt als Verfasser von vier Büchern Elegien, der didaktische Dichter Aemilius Macer und L. Varius, bekannt als tragischer Dichter, bald auch Plotius Tucca, Propertius und Horatius, welcher letztere sich Sat. 1, 5, 40—42 über dieses Freundschaftsverhältniss so äussert:

Plotius el Varius Sinuessae Vergiliusque
Occurrunt, animae, quales neque candidiores

Terra tulit neque quis me sit devinctior alter. Spricht diese Stelle deutlich für den edlen und reinen Sinn Vergil's, so geht auch aus anderen Zeugnissen, sowie aus seinen Gedichten hervor, dass Bescheidenheit, Herzensgüte und grosse Geneigtheit, die Verdienste Anderer anzuerkennen, Hauptcharakterzüge Vergil's waren. Dennoch fehlte es ihm nicht an Feinden, welche ihn um die Gunst, in der er bei Octavian stand, beneideten, oder als Anhänger der alten Dichterschule der neuen Richtung, welcher Vergil Bahn brach, überall entgegentraten. Bekannt sind von diesen Gegnern die von Vergil verspotteten Dichterlinge Bavius und Maevius, vgl. E. 3, 90. Dass Vergil sich aber so eng an Octavian anschloss, kann nicht Wunder nehmen, da er theils durch die Bande der Dankbarkeit an ihn geknüpft war, theils in ihm den Beschützer und Pfleger der Wissenschaften verehrte, theils endlich die Republik nur in einer Zeit kennen gelernt hatte, wo der Staat ein Spielball in den Händen einiger Ehrgeizigen

war, so dass Ruhe und Sicherheit sich nur in einer Monarchie erwarten liess; dass aber Octavian zu dieser Alleinherrschaft von der Gottheit berufen sei, schien sein unerhörtes Glück binlänglich anzudeuten, so wie die Mässigung und Milde, welche er bewies, ihm auch die Herzen vieler früheren Gegner allmählich zuführte.

Ueber die ferneren Lebensverhältnisse Vergil's haben wir äusserst wenig verbürgte Nachrichten; nui so viel steht fest, dass er viel an Brustschmerzen litt und, wahrscheinlich durch seine kränklichkeit veranlasst, seine späteren Jahre grösstentheils in Neapel verlebte, von wo er nur dann und wann zum Besuch seiner Freunde nach Rom kam. In Neapel dichtete er auch die Georgica, welche in vier Büchern die Erfahrungen und Regeln der italischen Landwirthe über den Ackerbau, die Baumpflanzung, die Vieb- und Bienenzucht umfassen. Die Dichtung erhebt sich von dem Schmerz über die Greuel des Bürgerkrieges zu der Freude über die Sicherheit, welche die Siege des Augustus verhiessen: denn gerade in den Jahren, in denen Vergil sein erstes grösseres Werk schrieb- (31—29 vor Chr.), dehnte Augustus durch die Niederwersung des Orients seine Herrschaft über das ganze römische Reich aus. Durch dies Werk trat Vergil dem einzigen Dichter ebenbürtig zur Seite, welcher in der neuen Richtung des Geschmackes mit grösseren Sammlungen eigener Gedichte hervorgetreten war. Horaz hatte schon 35 v. Chr. das 1. Buch der Satiren herausgegeben; er veröffentlichte im Jahre 30 das 2. Buch der Satiren; 29 erschienen die Epoden. Zahlreiche Oden des mit Vergil eng befreundeten Sängers waren schon bekannt geworden. Da regte Asinius Pollio auch unsern Dichter zur Vollendung seiner bukolischen Gedichte an; und dieser Anregung bedurfte es kaum, denn Vergil war unablässig bemüht, für seine Gedanken die vollkommenste Form zu finden. Es kam dazu, dass ein politisches Ereigpis ihn nöthigte, einen Theil der Georgica zu ändern. Sein Freund Cornelius Gallus, den er im 4. Buche der Georgica verberrlicht hatte, kam in den Verdacht der Untreue gegen den Kaiser, und Augustus, der die Bedeutung der neuen Dichterschule für die Befestigung seiner Herrschaft nicht verkannte, bestand darauf, dass dieser Theil der Georgica geändert werde. So entschloss sich Vergil dazu, die letzte Hand an die Bucolica und Georgica zu legen *). Er voll

*) Reifferscheid Suet. p. 62, 13: bucolica georgicaque emendavil. Da die Feile der einzelnen Verse von einem Dichter wie Vergil bicht noch besonders (vgl. ibid. p. 59, 12 ff.) in dieser Weise erwähnt

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