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Vergil seine Idyllen in einem Triennium verfasst und die vierte Ekloge im Jahre 40 vor Christo gedichtet habel). Obgleich diese beiden Voraussetzungen weder miteinander, noch mit dem Inhalt der Gedichte, noch mit der Ueberlieferung der Alten in Einklang zu bringen waren, so glaubte er doch mit ihrer Hilfe in den Jahren 41- 38 vor Chr. die Entstehungszeit der Eklogen ermittelt zu haben. Er nahm an, dass die erste Ekloge 41, die neunte 41 oder 40, die vierte 40, die achte und dritte 39, die zehnte 38 gedichtet sei, und bemerkte, dass sich die Jahre, in welchen die übrigen Eklogen verfasst seien, nicht genau bestimmen liessen 2). Manchen unter diesen Zeitbestimmungen legte er selbst nur den Werth unsicherer Vermuthungen bei 3), und dennoch erlangte seine Hypothese, wie es scheint, sofort allgemeine Anerkennung. Um für sämmtliche Eklogen feste Jahreszahlen zu erhalten, setzte man später die zweite und fünfte Ekloge vor die erste, schob die sechste und siebente in die Reihe des Ruaeus ein, gab der dritten, um nicht mit E. 5, 87 in Widerspruch zu kommen, ihre Stelle vor der fünften und erhielt so die Reihe: 2. 3. 5. 1. 9. 4. 6. 8. 7. 10, welche mit unwesentlichen Aenderungen aus einem Commentar in den andern überging und trotz aller Widersprüche des Inhalts der Gedichte und der Ueberlieferung beim Schulunterrichte allgemein gebraucht wurde. Neben dieser Ansicht trat aber in den Arbeiten, welche über die Zwecke der Schule hinausgingen, mehr und mehr die Meinung hervor, dass nicht alle Eklogen in dem von Ruaeus angenommenen Zeitraum gedichtet sein könnten "); jedoch war es nicht möglich diese Controverse zu einem befriedigenden Abschluss zu führen, weil man durch den Namen des Pollio (E. 4, 12) an eine Zeit gebunden war, in der sich kein Abschnitt ohne gewaltsame Interpretation einzelner Stellen oder ganzer Eklogen zu einem Rahmen für die zehn Gedichte benutzen liess. Auch schien die Lösung dieser Aufgabe für die Erklärung der Bucolica nicht unbedingt nothwendig. In dieser hatte sich eine so feste Tradition gebildet, dass es fast unerlaubt schien, an ihrer Richtigkeit zu zweifeln. Die fortwährende Wiederholung derselben Bemerkungen liess die Schwierigkeiten allmäblich weniger erheblich, die allegorischen Deutungen weniger gewaltsam erscheinen. Die Widersprüche,

1) ib. a. 714.
2) ib. a. 716.
3) ib. a. 715.

4) Jahrbücher f. kl. Ph. 1864 p. 635 und Bernhardy Grundriss der röm, Literatur p. 447.

welche nicht weggeleugnet werden konnten, wurden in dem Commentar entweder nur nebenbei bemerkt oder ganz übergangen. Dass drei von den Eklogen, die vierte, sechste und zehnte, nach alter Veberlieferung später als die übrigen gedichtel sein sollen ), dass diese Eklogen sich in ihrer ganzen Anlage und Diction von den übrigen wesentlich unterscheiden 2), dass die sieben älteren Eklogen Arbeiten eines Nachahmers, die drei späteren Schöpfungen eines selbständigen Meisters sind 3), dass sich in der Behandlung des Verses bei genauer Vergleichung beider Klassen der Idyllen ein deutlich erkennbarer Fortschritt zeigt), dass die vierte Ekloge die Segnungen des befestigten Friedens, die alteren Idyllen die Gefährdungen des Besitzstandes in Italien schildern, wurde nicht berücksichtigt 5). Man hatte sich einmal dafür entschieden, dass die Eklogen wohl oder übel in dem Zeitraum von etwa 42 bis etwa 38 gedichtet seien, und ein einfaches Exempel schien diese Ansicht über jeden Zweifel zu erheben. Drei Jahre hatte Vergil den Bucolica , sieben Jahre den Georgica, elf Jahre der Aeneis gewidmet. Ging man nach diesem Schema vom Jahre 37 weiter, so kam man mit den Georgica bis 30. Nach kurzer Pause hatte Vergil dann die Aeneis 29 v. Chr. begonnen und nach elf Jahren, 19 v. Chr. so weit vollendet, dass er daran denken konnte die letzte Hand an sein grösstes Werk zu legen. Gegen eine so einfache, so allgemein apgenommene, durch die Autorität von fast zwei Jahrtausenden o) geheiligte Lehre Widerspruch zu erheben, erschien unverzeihlich; und doch konnte, wie ich gegen Ribbeck und Benoist in meiner Abhandlung de eclogis Vergili interpretandis et emendandis (Programm des Friedrich-Wilhelms - Gymnasiums in Posen 1872) nachgewiesen zu haben glaube, für die Hypothese des Ruaeus kein haltbarer Grund vorgebracht werden). Sowohl

1) Vita P. Virg. M. c. XXIV, 101.
2) Vgl. Jahrbücher f. kl. Phil. 1864 p. 789-792.
3) ib. p. 791.

*) ib. p. 772--789 und Drobisch in den Berichten über die Verhandlangen der Königl. Sächsischen Gesellschaft der Wissenschaften zu Leipzig. Phil. Histor. Kl. 1868 ), p. 31. 32.

5) Alle diese, für die Beantwortung der vorliegenden Frage wesentlichen Momente sind namentlich auch in dem neuesten Commentar von E. Glaser, Halle 1876, nicht beachtet worden,

6) Ribbeck prol. p. 11: Qua ille (Schaperus) opinione quod veterum testimoniis contemptis finxit quae ne Asconius quidem Pedianus fando audiverat, condonandum fortasse esset, si aliorum argumentorum necessitate pervicissel sententiam.

1 Vgl. m. Progr. Posen 1872 p. 1–4 und p. 36-42.

der Inhalt der Gedichte, als auch die Ueberlieferungen der Alten

nöthigen zu der Apnahme, dass Vergil seine ersten Versuche auf

dem Gebiete der bukolischen Dichtung in den Jahren 27—25

einer Revision unterworfen, ihnen drei neue Gedichte hinzuge-

fügt und nach Vollendung dieser Arbeit 25 v. Chr. die Ausgabe

veröffentlicht hat, deren Text, im Ganzen wohl erhalten, auf uns

gekommen ist.

Nicht mehr Gewicht haben die Einwendungen, welche von

Ribbeck, Glaser und Benoist gegen die Resultate meiner

Untersuchung über die Georgica erhoben sind. Den beiden Letz-

ten schulde ich ein kurzes Wort der Entgegnung; denn dass ein

Kundiger in der Anzeige 0. Ribbeck's (Jenaer Literaturzeitung

1874 Nr. 21 p. 316. 317) eine Widerlegung meiner Ansicht

oder eine Entkräftlung irgend eines Satzes gefunden haben sollte,

den ich zur Begründung meiner Hypothese gebraucht habe, ist

wohl nicht anzunehmen.

Die Bedenken Glaser's (Jahrb. f. kl. Phil. 1874 p. 570 bis

573) sind bis auf einen Punkt in der Dissertation von Borgius de
temporibus, quibus Vergili Georgica scripla et perfecta sint, Halis
1875 widerlegt worden, und dieser eine Punkt wird mit Unrecht
gegen mich geltend gemacht. Glaser vertheidigt die Ansicht,
dass Octavian im Jahre 37 als Gott angeredet werde, durch Be-
rufung auf E. 1, 7. 8 und 41. 42. Beide Stellen habe ich aus-
führlich in den Jahrb. f. kl. Phil. p. 769 und in m. Progr. Posen
1872 p. 7–15 besprochen. Beide sind meiner Meinung nach
bei der zweiten Recension in die Ekloge eingeschoben, um den
Ausdruck der Verehrung der veränderten Stellung des Impera-
'tors anzupassen. Wenn diese Ansicht richtig ist, so kann meine
Hypothese über die Georgică nicht durch Berufung auf jene Stel-
len widerlegt werden.

Benoist erklärt es in den Oeuvres de Virg. 2. Ausgabe,
Paris 1876, p. 342 für unwahrscheinlich, dass Vergil den Schluss
der Georgica in einer zweiten Ausgabe umgearbeitet habe; denn
über den Schluss der ersten Ausgabe müsste doch irgend etwas
Genaueres überliefert sein; die Zeitgenossen oder die Späteren
würden über dies Faktum etwas gesagt, die Moralisten ein sol-
ches Thema nicht übergangen haben. Dabei ist wohl übersehen,
dass Servius seine Notiz nur in den Berichten der Zeitgenossen
oder der Späteren gefunden haben kann und dass jene Moralisten
in der Kaiserzeit lebten, in welcher die Vernichtung missliebiger
Schriften und die direkte Beeioflussung der Schriftsteller durch
die Machthaber so gewöhnlich war, dass die eine nicht unmög-
lich und die andere nicht ausfallend erscheinen konnte.

Borgius ist in der oben erwähnten Dissertation nach Erwägung der wesentlichsten Momente zu einem Resultate gelangt, welches in der Hauptsache mit meiner Ansicht übereinstimmt. Er nimmt an, dass Vergil die Georgica 32—29 geschrieben, in den Jahren 29-26 emendirt 1) und in der Ausgabe, deren Text auf uns gekommen ist, 26 veröffentlicht habe 2). Die Frage über die Umarbeitung des Schlusses der Georgica lässt er unentschieden 3). Die einzige wesentliche Abweichung von meiner Hypothese besteht also darin, dass Vergil an den Georgica nicht von 31—25, sondern von 32-26 gearbeitet haben soll. Diese Abweichung führt aber erstens zu der sehr unwahrscheinlichen Annahme, dass er das erste Buch in den Jahren 32 und 31, das zweite in der zweiten Hälfte des Jahres 30, das dritte und vierte in der ersten Hälfte des Jahres 29 geschrieben habe 4) – eine Ungleichmässigkeit der Arbeit, von der in dem uns vorliegenden Text keine Spur zu finden ist; zweitens ist die Annahme eines früheren Anfangspunktes durch nichts begründet. Denn die Einleitung des ersten Buches enthält in ihrem ersten Theile (v. 1 bis 23) nicht eine Schilderung des momentanen Zustandes von Italien'), sondern die Inbaltsangabe für das ganze Gedicht (v. 1-4) und die Anrufung der Götter, unter deren Schutz der Landbau stand (v. 5—23), im zweiten Theile (v. 24—42) eine Anrede an Augustus, welche wohl nicht vor der Schlacht bei Actium geschrieben ist. Wenn nun, wie Borgius p. 16 und 17 bemerkt, die Verse G. I, 500—502 und 509-511 auf die Zeit hinweisen, welche derselben Schlacht unmittelbar vorherging, so ist man wohl berechtigt anzunehmen, dass Vergil die Anrede an den Kaiser nach der Beendigung des ersten Buches in die Einleitung eingeschoben hat).

Da nun auch Fritzsche in seinem Jahresbericht über die die griechischen und römischen Bukoliker betreffenden Schriften aus dem Jahre 1873 p. 315-317 meiner Ansicht über die Um

1) Borgius de temp. quibus V. G. scripta et perfecta sint. p. 21.
2) ib. p. 39.
3) ib. p. 22.
4) ib. p. 14. 16. 18. 20.

5) ib. p. 18: Ut paucis repetam, primis huius libri versibus civilas in pace et Iranquillitate vivens depingitur cum extremis sollicitudine et bellis turbetur. Inde concludo quia huius libri finem ante pugnam Actiacam scriptum esse statuimus, initium ineunte anno 722 seribi coeptum esse.

6) Für das Jahr 25 als Schlussjahr der Arbeit Vergil's an den Georgica erklärt sich auch M. Hertz in den Anal. ad carm. horat. historiam

p. 15. 16.

arbeitung der Georgica und die Beschaffenheit des uns überlieferten Textes zugestimmt hat, so habe ich keinen Grund gehabt, in der Interpretation der Eklogen und der Georgica von meiner Hypothese abzugehen. Diese Hypothese ist das Resultat einer Reihe von Schlüssen, welche in zahlreichen Observationen ihre Grundlage haben. Ohne Zweifel wird es möglich sein, in diesen Observationen und in jenen Schlüssen Irrthümer nachzuweisen. Dass aber dadurch das Resultat der Untersuchung in Frage gestellt werden sollte, wage ich nach der Natur der bis jetzt geltend gemachten Gegengründe zu bezweifeln. Der Commentar wird, wie ich hoffe, zeigen, dass sich mit Hülfe dieser Hypothese die bisher ungelösten Schwierigkeiten einfach und ungezwungen lösen lassen. Auch habe ich nicht gefunden, dass in einem einzelnen Punkte eine wesentliche Aenderung meiner früheren Behauptungen nöthig wäre. Nur eine Schranke, welche bei der ersten Untersuchung, ich möchte sagen ihrer Gleichgültigkeit wegen, stehen geblieben war, hat noch weggeräumt werden müssen. In den Jahrbüchern f. kl. Phil. 1864 p. 794 und in den beiden Programmen Posen 1872 p. 43 und Berlin 1873 p. 72 habe ich noch daran festgehalten, dass die sieben älteren Eklogen in der Zeit von 42 bis etwa 38 gedichtet seien. Bei der Revision meiner Untersuchung, welche ich zum Behuf der Interpretation der Eklogen vornahm, habe ich ersehen, dass kein Grund vorhanden ist, die Vorbereitungszeit, wenn ich so sagen darf, unseres Dichters mit dem Jahre 38 zu schliessen. Diese Schranke ist von den Erklärern gezogen, welche das für die Eklogen bestimmte Triennium 42 oder 41 beginnen wollten. Steht es nun fest, dass die Eklogen in diesem Triennium nicht gedichtet sind, so muss auch jene Schranke fallen; und steht es ferner fest, dass Vergil die Georgica von 31-29 geschrieben hat, so ergiebt sich als Endpunkt der ersten Periode seiner dichterischen Thätigkeit das Jahr 32.

Zum Schlusse bemerke ich, dass ich die Conjecturen von Madvig (Adv. crit. Vol. II, p. 47–50) und einige Vorschläge von Meiser (Jahrb. f. kl. Phil. 1872 p. 119) in den kritischen Anhang aufgenommen und in dem Commentar einige der Bemerkungen von E. v. Leutsch (Phil. 1874 p. 12) benutzt habe.

Berlin im Februar 1876.

C. Schaper.

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