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in ihrer Ruhe störe. Die Wehklage weckt sie auf; jede Thräne, die über ihrem Grabe vergossen wird, fällt ihnen schwer und klingend auf die kalte Brust. Das Kind wird von der Mutter, die Mutter vom Kinde, der Gatte von der Gattin, der Bräutigam von der Braut noch einige Zeit an’s Leben gefesselt.' Denn was vermag der Tod gegen ein Wechselgelübde von Liebe und Treue? Die Seele des Verstorbnen gehört nicht ihm allein zu; sie ist einem andern noch nicht Dahingeschiedenen verpfändet und auch den Ueberlebenden kann der Tod nicht von einem Gelöbnis entbinden, das für die Ewigkeit gegeben ist. - Sehn wir nun weiter, wie Bürger diesen volksthümlichen Sagenschatz behandelt hat. Das Gedicht zerfällt in zwei Haupttheile, der erste giebt uns den äussern Rahmen, das, was beim Drama Exposition genannt wird, und führt uns Lenorens Verzweiflung vor Augen. Mit den beiden Anfangszeilen:

Lenore fuhr um’s Morgenroth

Empor aus schweren Träumen.“ werden wir gleich mitten in die Handlung, in medias res versetzt. Ganz gelegentlich wird, was zum Verständniss der sich nun entwickelnden Handlung nöthig ist, eingeflochten. Die Schilderung des heimkehrenden, siegreichen Heeres enthält zum Theil Selbsterlebtes. Bürger war nämlich nach Beendigung des 7jährigen Krieges auf dem Pädagogium des Halle’schen Waisenhauses. Auch in Halle rückten einige Regimenter ein, und Bürger schildert aus eigner Anschauung, wenn er sagt, Str. 2: Willkommen, manche frohe Braut. -- Die Verzweiflung der Lenore, ihr Hadern mit Gott, andrerseits das rührende Bild mütterlicher Liebe, die durch Gebet, Mahnungen und Vorstellungen der Tochter zu helfen sucht, ist mit vollendeter Schönheit gezeichnet, und es liegt nicht fern, auch in dieser Schilderung individuelle Herzenserfahrung zu erkennen. Str. 4 - 12. Schwarz steigt uns die Gewitterwolke auf, wenn wir sehen, wie halsstarrig und eigensinnig die Tochter alle Einwirkungen des guten Geistes von sich abweist, und in der zweimal wiederkehrenden Rede sich verwünscht:

Lisch aus, mein Licht, auf ewig aus,

Stirb bin, stirb hin in Nacht und Graus,
Schrecklich geht es nun in Erfüllung, was sie sich an-

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gewünscht hat; es folgt der zweite Theil, in dem das Zwiegespräch mit dem trügerischen Gespenst und der Todtenritt uns vorgeführt wird. Dass es eben ein trügerisches Gespenst sei, nicht, wie wir erwarten, der Geist Wilhelm's, das bekunden viele Andeutungen, die Lenore in der Verblendung ihrer Leidenschaft nicht merkt. Die wahre Natur desselben aber wird erst durch die am Schlusse erfolgende, schreckliche Metamorphose des Reiters ganz klar, V. 30. - Der Todtenschädel, das Gerippe wird ahier durch zwei Symbole noch genauer gekennzeichnet, die Bedeutung des Stundenglases ist an sich klar; die Hippe ist ein Symbol des Todes; weil man im Mittelalter den Tod als Ackersmann darstellte, der den Garten des Lebens jätet und eine Blume darin nach der andern bricht. So braucht z. B. Joh. Ackermann fast kein andres Bild als des grasenden und Blumen ausreutenden Todes. Dies Bild des Todes findet sich auch in Volksliedern, ich erinnere nur an das bekannte:

Es ist ein Schnitter, der heisst Tod,

Der hat Gewalt vom höchsten Gott. Unmittelbar hieran grenzt es, wenn in Geilers Predigten der Tod ein Holzmaier, d. h. ein Förster, genannt wird, und so auch in Bildern der deutschen Ausgabe dargestellt wird, wie er Wald aushaut. - Den Todtenritt im Allgemeinen anlangend, so gemahnt er einerseits an die seit dem 14. Jahrhundert lange Zeit im Schwange gehenden Todtentänze, in sofern diesen eben die Zusammenstellung des Todes mit solchen Lustbarkeiten, die Hand in Hand mit den übrigen Freuden eines Festmahles zu gehen pflegen, mit Musik und Tanz eigenthümlich ist. Der Tod holt die Lenore, um mit ihr seine Vermählung zu feiern, der grause Todtenritt ist eine Hochzeitsreise. Andrerseits gemahnt der Tod, wie er während des Rittes erscheint, an die im Mittelalter vielfach begegnende Vorstellung des Todes als eines gewaltigen Königs, der durch die Lande fährt, und seine Heerschaaren sammelt, der gewappnet auszieht gegen seine Feinde, die Menschen, und sie gefangen nimmt; Krankheiten sind die wiederholentlich mahnenden Boten.

Als König in einer Art von Schattenreich tritt der Tod zumal auf in der ersten Scene des Todtenrittes, als König über Unterthanen, deren Leben nach allen Anzeichen eine Fortsetzung ihres Lebens auf der

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Oberwelt ist. Der Ritt wird je länger, je wilder; die fort-
während gesteigerte Wildheit wird dargestellt durch Refrain-
artig wiederkehrende Zeilen, V. 20:

Zur rechten und zur linken Hand,
Vorbei an ihren Blicken,
Wie flogen Anger, Haid' und Land!
Wie donnerten die Brücken!

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Mit der Wildheit des Todtenrittes steigert sich zugleich die
Angst der Lenore, sie wird charakterisirt durch ihre dreimalige
Antwort, die dem ebenfalls dreimal wiederkehrenden Todten-
reiterliede folgt:

V. 20: Ach nein, doch lass die Todten!
V. 24: Ach, lass sie ruh'n die Todten!
V. 27: O weh, lass ruh'n die Todten!

Die schon vorhin erwähnten Scenen des grausen Rittes werden durch den dreimal wiederkehrenden Refrain abgegrenzt:

Und hurre, hurre, hopp, hopp, hopp,
Ging's fort in sausendem Galopp,
Dass Ross und Reiter schnoben,

Und Kies und Funken stoben!
Die erste führt uns einen Leichenzug vor; Alles ist lebens-
voll und anschaulich, Glockenklang, Todtensang, Sarg und

, Todtenbahre, Gefolge nebst Priester und Küster. In der zweiten ein eigentlicher Todtentanz:

Am Hochgericht tanzt um des Rades Spindel,
Halb sichtbarlich im Mondenlicht,

Ein luftiges Gesindel.
Der Schluss versetzt uns auf einen Gottesacker V. 29. Es
folgt die schon oben besprochne grauenhafte Metamorphose des

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Reiters und der Kettentanz der Geister und ihr Grabgesang für die bereits abgeschiedene Lenore. Fassen wir also den Gang der Handlung kurz zusammen, so beginnt sie mit dem Anbruch des Morgens; Lenore erwacht nach schweren Träumen: im Verlauf des Tages kehrt das siegreiche Heer zurück; es folgt das Zwiegespräch Lenorens mit der Mutter, ihre Verzweiflung und ihr Hadern mit Gott bis 11 Uhr Nachts; darauf der grause Todtenritt. - Hat Bürger in dem Todtenritt ein Bild hitziger Fieberfantasien malen wollen, oder ist eine reale Grundlage in weiterm Masse anzunehmen, das sei dahingestellt; darüber kann kein Zweifel sein, dass die Idee des Ganzen in den Schlusszeilen des Gedichts enthalten sei:

Geduld, Geduld, wenn's Herz auch bricht. Der Grundgedanke ist sonach ethischer Art; der Tod tritt auf als himmlischer Rächer; er fordert ihr junges Leben als Opfer für ihre Verzweiflung und ihr Hadern mit Gott. Es ist nicht der Bräutigam, der im Tode wenigstens die Vereinigung mit der Braut feiern will, die ihm im Leben nicht vergönnt war.

Es erscheint somit, was die Behandlung deß volksmässigen Stoffes anlangt, als charakteristisch, dass Bürger ihn mit Bewusstsein umgestaltet und zum Träger eines ethischen Grundgedankens umgeschaffen habe. Und will man überhaupt von einem Fehler dieser Ballade sprechen, so liegt er in der Willkür dieser Umgestaltung.

Werfen wir nun

zum Schluss noch einen Blick auf das Verhältniss der Lenore zu den Schiller'schen Balladen, so 'fällt in die Augen, dass in einem Punkte dieselben auf die Lenore als ihr Vorbild hinweisen, in einem andern weichen sie entschieden ab. Es ist nämlich gerade das eine charakteristische Eigenthümlichkeit der Schiller'schen Balladen, dass sie einen ethischen Grundgedanken zur Darstellung bringen, der in der Regel in der Dichtung selbst ausgesprochen wird. Aber Schiller hält sich, und dadurch unterscheidet er sich vom Dichter der Lenore, in der ganzen Weltanschauung streng an die Quelle, aus der ihm der Stoff zu seinen Balladen geflossen ist. Von der meisterhaften Form der Bürger'schen Dichtung, die mit Recht alle Bewunderung in Anspruch nimmt, habe ich ganz absehn zu können geglaubt; selbst Schiller in der bekannten, strengen Recension erkennt an die Schönheit poetischer Malereien (dahin gehört namentlich die häufige Anwendung der Alliteration), poetische Kraft und Fülle, Sprachgewalt, Schönheit des Verses. – Schiller bedurfte nicht eines Lebrmeisters im gewöhnlichen Sinne. Ihm war das hohe Talent verliehen, die Fülle idealer poetischer Anschauungen, die ihm im Herzen lebten, in das Gewand der Schönheit zu kleiden. Das aber ist Bürgers Verdienst, ihn zur Balladendichtung angeregt und damit eine Dichtungsart für immer eingeführt und zu Ehren gebracht zu haben, die vor andern die wichtige Aufgabe zu lösen hat, den in Geschichte und Sage verborgenen Schatz von Poesie in gangbare Münzen auszuprägen. Coeslin.

Drosihn.

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