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Viehoff oder Lewes?

Wenn Jemand zu jetziger Zeit über Schiller etwas schreiben wollte, so könnte sich das Publicum in einem gewissen Rechte glauben ihm zurufen zu dürfen :: Moutarde après dîner. Denn wie intensiv ist in dem letztvergangenen Jahrzehnt die Beschäftigung mit Schiller gewesen und hat ihren populärsten Austrag in dem Weimarischen Feste vom Jahre 1857 und in der Weltschillerfeier 1859 gefunden! Die hohen Sympathien, welchen das erstere überall begegnete, sind bei dem letzteren in ausgebreitetster Weise zur That geworden. Nichtsdestoweniger ist das Publicum nur vielleicht momentan befugt, wenn es sich übersättigt erklärt von Schillerbüchern und Schillerreden. In Wahrheit werden wir es uns stets zur Ehre anrechnen, dass wir, wie das Ausland uns vorwerfend entgegenhält, einen förmlichen Schillercultus eingerichtet haben. Die Schillerfeier das ist genugsam erörtert worden ist etwas mehr als eine bloss literarische Feier gewesen. Deutschland hatte, zur Wahrung der eigenen Würde, und namentlich dem Auslande gegenüber, das Bedürfniss sich als Nation darzustellen. Der Ausdruck dieses geistigen Manifestes knüpfte sich zwar nicht zufällig, aber auch nicht in Anerkennung voller Gültigkeit an die Person Schillers. Aus dem Xenienbunde der beiden grössten Dichter hatte das deutsche Volk die Verse nicht vergessen:

„Deutschland, aber wo liegt es? Ich weiss das Land nicht

zu finden. Wo das gelehrte beginnt, hört das politische auf.“ Und: „Zur Nation Euch zu bilden, Ihr suchtet es, Deutsche, ver

gebens. Bildet, Ihr könnt es, dafür freier zu Menschen Euch aus.“ Archiv f. n. Sprachen.

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XXXI.

In diesen von Kantischem Weltbürgerthum getragenen Versen vermissen wir das frische nationale Selbstbewusstsein, welches im Volke damals freilich mehr als 'schlief. Dessenungeachtet hat Schiller seine grosse nationale Bedeutung. Gerade an diese uns zu erinnern und dieselbe mit Liebe zu pflegen ist die wohl berechtigte Strömung unserer Zeit. Und was die literarische Seite betrifft, so findet der Forscher noch Einzelstoff genug, den zu durchdringen ein dankenswerthes Unternehmen ist; die neue, kritische Ausgabe des Schillerschen Textes von Seiten des Professor Meyer in Nürnberg wird manchen Anstoss zu weiterer Einzelforschung geben.

Wenn nun eine solche Vertiefung der Forschung bei Schiller gilt, wie ist es, wird man fragen, bei Göthe, der durch das Hervorheben Schillers in jüngstvergangener Zeit naturgemäss für das grössere Publicum in den Hintergrund gedrängt worden ist?

Die Zahl der Schriften auch über ihn ist Legion. Leider aber, wie die öffentliche Meinung sehr oft eine irrige zu sein pflegt, giebt man einigen den Vorzug, die ihn nicht verdienen, und lässt andere in Dunkelheit, welche vielleicht die Quelle der Berühmtheit von ersteren

waren.

Dies gilt vorzugsweise von einem Beitrag, den das Ausland uns geliefert hat und dessen Lob in der letzten Hälfte des vergangenen Jahrzehnts leider gerade im Munde aller Deutschen war.

Es steht fest, dass Deutsche nach allen Seiten hin Göthe durchforscht und sich bestrebt haben sein Leben, sein Genie und die Producte desselben in wechselseitige Beziehung zu setzen. Um so betrübender ist es darum, wenn die mühevollen Arbeiten unserer Nation dem leichten und, wir gestehen es gern zu, gefälligen Werke eines Ausländers (ci-devant Schauspielers, wie wir hören) haben weichen müssen, aus keinem anderen Grunde vielleicht, als weil wir die Arbeit eines Ausländers vornehmlich anzuerkennen in uns die sonderbare Verpflichtung fühlen.

Wir meinen hier die Biographie Göthes von dem Engländer Lewes.

Sieht man näher zu, was den Ruhm derselben begründet, befähigt man sich durch ernstes Studium zu einem selbständigen Urtheil unparteiisch ist ja der wabre Deutsche von Haus aus so entnimmt man mit tiefer Trauer über die Bestimmbarkeit der Deutschen, dass ausser einer glatten Darstellung -- ein Vorzug, der auch den anderen Biographien keineswegs abgeht –, die Arbeit des Engländers weit hinter den fast gleichzeitig erschienenen, zum Theil umfangreicheren, jedenfalls jedoch gründlicheren Lebenscommentaren von deutschen Autoren zu stehen verdient. Neben die sprüchwörtlich gewordene Gründlichkeit stellt sich bei den Deutschen noch der Vorzug einer philosophischen Durchdringung. Von einem philosophischen Geiste, der sich bemühte, Göthes Werke genetisch aus innerer Nothwendigkeit zu begreifen, ist bei Lewes so viel wie Nichts zu finden. Es ist ein Leben im Stile eines Romans. Er ist sich der Schwäche seines Werks wohl bewusst, er kann derselben jedoch nicht abhelfen, denn es fehlt ihm an der nöthigen, hier einschlagenden wissenschaftlichen Bildung. Die Art und Weise, wie er diesen Mangel zu verdecken sucht, wie er in verwegenster Weise um nicht einen schärferen Ausdruck zu gebrauchen, der eigentlich hier nur am Platze wäre

aus der Noth eine Tugend macht, ist eines wahrheitsliebenden Engländers ganz unwürdig und auf seiner Seite um so ungerechter, je mehr er wissen sollte, wie viel er Denjenigen, die er herabsetzt, verdankt.

Auf letztere Bemerkung wollen wir näher eingehen.

Wir citiren nach der Uebersetzung von Frese, weil dieselbe dem deutschen Publicum am zugänglichsten sein möchte.

„Es gab noch kein Leben Göthes," sagt Lewes in seiner Vorrede, „als ich 1845 meins begann.“ Gleich darauf indess: „Seit mein Vorhaben bekannt geworden, sind zwei umfassende biographische Werke, von Viehoff und von Schäfer, erschienen. Viehoff erklärt in seiner Vorrede, die Ehre der deutschen Literatur gestatte nicht, dass ein Engländer der erste Biograph der Deutschen werde und um dies Aergerniss zu verhindern, habe er sich mit „deutschem Fleiss und deutscher Treue“ selbst an’s Werk gemacht, und ein Buch voll Mühe und Arbeit geliefert.“

Das sagt nun eigentlich, obgleich er es mit vollem Behufe hätte thun können, Viehoff nicht, und schon daraus lässt sich entnehmen, wie ungenau Lewes im Auffassen und Wiedergeben ist. Viehoff äússert sich in der Vorrede, die sich am Anfange des zweiten Theils befindet, nur folgendermassen:

„Das Säcularfest von Göthe’s Geburtstage rückte heran, und noch verlautete von keinem der Schriftsteller unseres Vaterlandes, dass er: sich anschicke, den Tag, der hoffentlich als ein Nationalfest begangen wird, mit einer Biographie des Gefeierten zu begrüssen. Da kam über

den Canal her die Kunde, ein Engländer rüste sich, uns den Ruhm des Erstlingsversuchs zu entreissen. Der Unmuth über diese Nachricht besiegte mein Zagen und Zandern. Was Begabtere zu thun versäumten, das beschloss ich zu wagen; von deutschem Fleisse, deutscher Sorgfalt und Gewissenhaftigkeit (also hier führt Lewes falsch an) hoffte ich wenigstens ein achtbares Pfund in die Wagschale legen zu können, gegen jenes, den Britten und Franzosen nachgerühmte Talent, mit leichter Hand ein entsprechendes Lebensbild zu liefern. (Es ist eigenthümlich, mit welcher Richtigkeit Viehoff hier ein Werk beurtheilt, das zu jener Zeit noch ein Embryo war.) Das Wagniss war vielleicht zu kühn; so ist doch der Muth und die Quelle, woraus er mir geflossen, nicht zu verwerfen.“

Danach stellt sich Viehoff zum Ausländer ganz anders ; keinerlei Neid, den Lewes in die Worte hineinlegen zu wollen scheint, ist für das schärfste Auge in denselben ersichtlich. Im Gegentheil schliesst Viehoff seine Vorrede mit den Worten: „Ich werde es über mich gewinnen, die Freude der Nation mitzufühlen, wenn meine Arbeit einem vollkommen würdigen Lebensbilde unsers grössten Dichters weichen muss.

Für das falsche Citat ist übrigens der Uebersetzer mit verantwortlich. Doch konnte es nur in dessen Interesse liegen, dem Lewesschen Werke eine höhere Stelle einzuräumen als denen der eigenen Nation. Der Uebersetzer hält dafür, dass die Viehoffsche Schrift keinen höhern Rang beanspruchen könne als den einer umfassenden Materialiensammlung; ein Urtheil, welches, so wie es dasteht, rein in der Luft schwebt; und dass das Buch des feinsinnigen Schäfer doch der lebenskräftigen Erfassung einer Persönlichkeit, wie die Göthe's ist, und der Frische der Darstellung, die ein solcher Gegenstand verdient und erfordert, ermangle, - Bemerkungen, welche längst vor Hrn. Frese gemacht worden sind.

Hr. Frese aber kommt durch sein unbegründetes Urtheil jedenfalls unbewusst mit der Lewesschen Beurtheilung der beiden Biographien, wie uns dünkt, in Widerspruch. Von dem ersteren Buche sagt Lewes : „So umfangreich es auch ist, es fehlt darin doch viel schätzbares Material, theils weil manches erst später veröffentlicht ist und theils weil Viehoff keinen Zugang zu ungedruckten Quellen hatte. Er hat sich in der That so ausschliesslich auf Gedrucktes beschränkt, dass er nicht einmal Weimar gesehen hat, wo Göthe siebenundfünfzig Jahre seines Lebens zubrachte, So schreibt er über Göthe, wie er über Cicero schreiben würde. An einem ähnlichen Mangel leidet das Buch von Schäfer, der übrigens mittels knapperer Behandlung und Weglassung aller kritischen Erörterungen über die verschiedenen Werke des Dichters seine Aufgabe in grösserer Kürze gelöst hat.“

Die gerügte Unbekanntschaft einerseits, fände sie wirklich statt, würde doch durch die umfassendsten Vorstudien andererseits aufgewogen, welche keinen andern wie Viehoff, H. Düntzer vielleicht ausgenommen, zu einer Biographie Göthe’s wirklich befähigten. Lewes spielt auf seinen Aufenthalt in Weimar an, der dem Ausländer überhaupt unumgänglich nöthig war, um derjenigen Auffassung deutschen Wesens geläufig zu werden, ohne welche er an ein Buch über einen Deutschen schlechterdings nicht gehen konnte.

Nimmt man ferner in Be ht, dass schon zu Lewes' Zeit diejenigen Quellen, welche noch ungedruckt waren, meistens eine sehr

meistens untergeordnete Wichtigkeit hatten, oder auch noch bis heute für jeden Literarhistoriker unzugänglich sind, so wird der Vortheil, den Lewes von ein paar Zetteln und Billeten vielleicht haben konnte, vollends unerheblich. Auch bitten wir, Lewes nicht so durchaus auf's Wort zu glauben, wenn er behauptet, es hätten Viehoff keine ungedruckten Quellen zu Gebote gestanden. Wir erinnern nur an die schriftlichen Mittheilungen von Varnhagen von Ense.

Uebrigens müssen wir uns in dem Falle, den der englische Biograph so sehr zu seinen Gunsten anführt, um so mehr wundern, dass er bei der Beschreibung weimarischer Oertlichkeiten eigentlich gar nicht auf eigenen Füssen-steht, sondern meist nach gedruckten Quellen beschreibt. Wir erkennen in der Beschreibung des Parks, der Gartenhäuser in demselben etc. beinahe Zeile für Zeile den geistreichen Adolf Stahr wieder, wie er in seinem Weimar und Jenaerstere Stadt beschreibt. Lewes gesteht denn auch zu, dass ihr diese Schrift sehr nützlich“ gewesen ist. Wie wir aber Weimar und Jena in dem Lewesschen Buche zum Theil wiederfinden, so verräth sich auch deutlich der Einfluss des Viehoffschen und Schäferschen Werks, namentlich im zweiten Theile. Dennoch wagt Lewes, uns Deutschen in's Gesicht zu sagen, es würde ihm schlecht anstehen, über die Verdienste dieser Darstellungen ein Urtheil abzugeben.“ Gleich darauf jedoch gesteht er, dass es noch schlimmer wäre, wenn er die Beihülfe, die er von ihnen gehabt habe, in

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