ページの画像
PDF
ePub

Aus dem Nachlasse

des verewigten Directors Dr. F. L. Kannegiesser.

Die einsame Schnitterin.

(Wordsworth.)
O siehe die Hochländerin
Allein im Aehrenfelde dort!
Arbeitend singt sie vor sich hin.
Steh, oder schleiche fort !
Einsam die Garben bindet sie,
Und klagend tönt die Melodie;
O horch, das ganze Thal entlang
Schallt ihrer Stimme voller Klang

So süss sang nie die Nachtigall
Der Karavane, die den Sand
Durch wallt und nun am Wasserfall
Ein Ruheplätzchen fand.
So süss ruft selbst der Kuckuck nicht,
Wenn er im Frühling unterbricht
Das Schweigen, welches fort und fort
Herrscht fern bei den Hebriden dort,

Was singet sie? Wer sagt mir’s? Wer ?
Vielleicht ist's aus der Vorzeit Nacht
Wohl eine alte Trauermähr,
Und langverjährte Schlacht.
Wie oder ist es sanftrer Art
Von Mann und Frau und Kindern zart,
Von allgemeiner Sorg' und Pein,
Die ist und war und stets wird sein.

Was es auch war, das Mädchen sang
Als käm' ibr Lied zu Ende nie,
Und eifrig, wie die Stimme klang,
Führt auch die Sichel sie.
Zur Gnüge labt ich so das Ohr;
Und als ich stieg die Höh' empor,
Hört ich im Herzen noch den Ton,
Obgleich ich weit entwandert schon.
Des wandernden Juden Gesang.

(Wordsworth.)
Ströme rauschen aus den Quellen
Manche Felsenstuf hinab;
Doch es finden ihre Wellen
Endlich in der Tief' ein Grab.

Adlerschnell mit kühnem Satze
Schwingt die Gems' ob Klippen sich;
Doch an einem kleinen Platze
Fühlt sie wohl sich heimathlich.

Gleich dem meergepeitschten Schiffe
Schwebt der Rab' im Sturm dahin;
Zum geliebten Felsenriffe
Trägt den Schweifenden sein Sinn.

Seepferd' in der Wogen Tosen
Haben zwar kein eigen Haus;
Dennoch ruh'n die sorgenlosen
Auf der Brust der Fluten aus.

Aber meine Müh' und Plagen,
Täglich, nächtlich wachsen sie,
Ich muss wandern, ich muss zagen,
Denn zum Ziele komm' ich nie.

Auszüge aus der Wanderung (the excursion).

(Wordsworth.)
Philosophie, und die noch hehrere
Religion, mit stattlichem Gefolge,
Glaub', Hoffnung, Christenliebe, wählt aus allem
Sichtbaren euch Sinnbilder, was ihr findet
Von sich’rer Leitung, festestem Vertrauen :
Stern, Fackel, Anker, selbst nicht ausgenommen
Das Kreuz, an dess unselbstbewusstem Fuss
Die menschlichen Geschlechter tiefgerührt

Die Kniee beugten, bittres Nass vergiessend,
Und in dem Kampfe Ruhe suchten, euch,
Ihr hochbenamten Mächte, muss ich fragen,
Hier stehend, jenen unfahrbaren Himmel
Im schwachen Abglanz der Unendlichkeit
Hoch oben, und zu stillen Füssen unten
Ein unterirdisch Zeughaus von Gebeinen,
In dessen Zellen auch einst meine ruh'n,
Wo, wo sind eure Sieg' und eur’ Besitz,
In welcher Zeit genehmigt und beglaubigt?
Nach einem glücklichen Bezirk nicht frag' ich,
Hain oder Eiland, Wohnort weniger
Beglückten, die mit reinem willigen
Gehorsam eurem heitern Ansehn folgen;
Doch welche einzle Seele, frag' ich, habt ihr
Dem schiefen Pfad der Leidenschaft entrissen,
Begeistert, vollgekräftigt? Wenn in's Herz
Bis zu den tiefsten Falten schauen könnte
Ein von dem Glanz des Lobs untrüber Blick,
Wen darf man nennen in der Strahlenreihe
Von Weisen, Märtyrern, Bekennern, den
Die Kraft der Hoffnung, Wahrheit, des Gewissens
Die stärkste, nur auf Tages kurze Spanne
Vor peinlichem, ehrlosem Widerspruch,
Ausschweifendem, mit Schuld gepflegtem Wunsch,
Gewissenlosem Rückfall in unheilges
Feigherzges Beben schützte?

Im Menschenleben, Wenn man der Poesie gemeiner Rede Vertraun darf, sehn wir wie in einem Spiegel Ein treues Bild des Ringellaufs des Jahrs Mit seinen Theilen. Wohl! Lenz mag's dort geben, Trotz manchem rauhen ungestümen Hauch, Mit Knospen, vielversprechenden, und Blüten; Doch wo ist Sommers langer, reicher Tag, Der folgen sollte, wahrhaft ausgedrückt ? Und linder Herbst, mit güt'ger Frucht beschwert, Wo ist sein Bild? In welchem günst'gen Strich Sein prächtiger verschwenderischer Aufzug? Doch, wenn das Bessre der Vergleichung fehlt, So zeigt das Schlimmre in des Lebens Herbst Sich mit gar leicht kennbarer Aehnlichkeit, Und das muss gnügen

Lauben, die nicht mehr Der Freude Laut vernehmen, minder stets

Von aussen und von innen Wärme geben,
Und so mit scharfer Luft und Blätterfall
Des vollen Winters Kält und Kahlheit künden.

Was ist sich ungleich mehr als Mensch und Mensch? Die Ungleichheit, woher? Von wem als ihm ? Denn sieh den ganzen Menschenstamm begabt Mit gleicher grader Form! Die Sonne steht, Sowie des Himmels grenzenlose Pracht In dem Bereich von jedem Menschenauge; Das ewigwache Meer rauscht allen Ohren, Das Lenzgefilde strömt verjüngte Lust In Aller Herzen. In der Welt der Sinne Was es nur Schönes und Erhabnes gibt, Das ist dem Anschaun offen hingelegt Und ohne Schleier, und wo eine Kraft Heilsam ist und ein Einfluss angenehm, Da ist jedweder fähig zu empfinden Die Kraft, den Einfluss, sonder Vorbehalt. Auch edlere Geschenke sind gemeinsam, Vernunft, und hiemit Lächeln, hiemit Thränen, Einbildungskraft und Freiheit unsers Willens, Gewissen, das uns treibt und hält, und Vorschmack Des Tods, und Ahnung der Unsterblichkeit. Seltsam drum, unnatürlich müsste scheinen Der Fehl, wenn der Allmächtge, bis hieher Freigebig sonder Unterschied, verbergen sollte Sittlicher Eigenschaften Trefflichkeit Vor allgemeiner Einsicht, trüb und dunkel Den Weg zur Wahrheit und zur Tugend machend Und schwer, und nur von Wen’gen zu gewinnen, Seltsam verführer hier mit ekler Rücksicht, Die andern all nachsetzend! Glaub' es nicht! Die ersten Pflichten glänzen hoch, gleich Sternen, Die milden, voll Beschwichtgungs-, Heilungskraft, Sind, Blumen gleich, gestreut zu unsern Füssen. Die edelmütgen Trieb' und grade Regel, Gutthaten, holde Wünsch' und Seelenadel, Darin ist nichts Geheimes, ist kein Vorzug Für Hohe vor den Niedern, für die Stolzen Vor Demutsvollen. Auf zum Himmel steigt Der Rauch so leicht von einem Hüttenheerde Wie vom Palast. Wess Seele diese wahre Gleichheit erwägt, der wird die Au'n der Erde Mit Dankbarkeit durchwallen und mit Hoffnung,

Zwar, überlegend dieses, Grund doch finden
Zu herb'rem Gram, sowie wir es befanden,
Den Sturz von alten Tugenden beklagend,
Und trauernd um die Schmach, die zwischen Mensch
Und Mensch so weiten Unterschied gemacht.

Zeilen im Harzwalde in das Fremdenbuch zu Elbingerode geschrieben.

(Coleridge.)
Ich stand auf Brockens Herrscherhöh und sah
Wälder ob Wäldern, Hügel über Hügeln,
Ein wogend Meer, nur von der blauen Ferne
Begrenzt. Nicht sonder Mühe zog ich abwärts
Den Fuss durch ewig grüne Fichtenwälder,
Wo hellgrün Moos sieh hebt Grabhügeln ähnlich,
- Mit Sonnenschein durchglänzt und der doch seltne
Vögelgesang zum hohlen Schalle wird,
Und ewiggleichen Säuselns feierlich
Der Windstrom sein Gesäusel nicht vermischt
Mit häuf ger Wasserfälle häuf'gem Plätschern
Und dem Geschwätz der Quellen, wo auf einzlen
Steinblöcken laut die Gaiss mit hellen Glöckchen
Froh hüpft, auch wohl ein alter Bock romantisch
Mit weissem leisbewegtem Barte sitzt.
Langsam und müde ging ich weiter, denn
Ich fand, dass selbst die hehrste äuss're Bildung
Nur durch ihr inn’res Leben auf uns ein wirkt
Als Zeichen hohen Werths, das nicht das Aug’
Durchschaut, in dem das Herz nur lieset, sei's
Andenken oder Ahnung Freundes, Kindes,
Des holden Mädchens unsrer ersten Liebe,
Des Vaters oder des erhabnen Namens
Des heilgen Vaterlands. - O Königin,
Du Gottheit, von dem Erdball abgeordnet,
Mein theures England, wie mein sehnend Auge
Nach Westen blickt, im Wolkenberg dort deine
Sandigen Klippen schauend ! Süsse Heimat,
An dich gedenkend hob dies Herz sich stolz,
Ja schwamm mein Aug in Thränen! Alles, was
Vom Brocken aus ich sah, Gebirg' und Wälder,
Es war verschwunden wie ein flüchtiger
Verwirrter Traum. O Fremdling, tadle nicht
Leichtsinnig dies Gefühl; achť ich doch auch,
Beleidigendem raschen Zweifel wehrend,
Des Mannes höhern Geist, der allenthalben

« 前へ次へ »