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„Geschlechtswort“?

In gewissen Kreisen pflegt der Artikel als eine Bezeichnung des Nominal-Geschlechtes (Genus) aufgefasst und darum

Geschlechtswort“ genannt zu werden. Mit welchem Rechte geschieht dies ?

Es giebt Sprachen, welche überhaupt keinen Artikel haben, obschon ihnen das Nominal-Geschlecht nicht fehlt. Solche sind das Sanskrit, das Zend, das Syrische, das Lateinische, die slawischen Sprachen (die russische, polnische etc.). Wo er also überhaupt nicht vorhanden ist, kann er selbstverständlich auch nicht „Geschlechtswort“ sein.

Es giebt zweitens Sprachen, welche zwar einen Artikel, aber kein Nominal-Geschlecht haben. Dergleichen sind die englische, die ungarische. Hier kommt nur das natürliche, das Personal-Geschlecht in Betracht. Dass er aber da, wo die Nomina überhaupt geschlechtslos sind, auch kein Geschlecht derselben zu bezeichnen hat, versteht sich ebenfalls von selbst.

Drittens giebt es Sprachen, in welchen der Artikel dem allerdings vorhandenen Nominal-Geschlechte dennoch seinerseits geschlechtslos gegenüber steht. Von dieser Art sind die hebräische, die arabische. Es bedarf gleichfalls keiner Erläuterung, warum er da, wo ihm selber das Geschlecht fehlt, auch nicht geeignet ist, ein solches zu bezeichnen.

So bleiben viertens nur diejenigen Sprachen übrig, in welchen das Geschlecht sowohl am Nomen wie am Artikel haftet. Dies sind die griechische, die romanischen, die deutsche.

Aber alle diese Sprachen lassen mit nur einer Ausnahme unter den romanischen das Genus deutlich an dem Nemen selbst erkennen, sei es durch die Wortform überhaupt, sei es durch ausdrückliche Endungen. Sie könnten deshalb den Artikel so gut entbehren wie diejenigen, die wirklich keinen haben; er könnte hier wenigstens so gut geschlechtslos sein wie er es in denjenigen ist, wo ihm die Beziehung auf das Genus wirklich fehlt. Oder man müsste sich zu der Behauptung entschliessen, es sei, wie sehr auch das Nomen selbst schon die Zeichen seines Genus an sich trage, dennoch nothwendig, dasselbe, und zwar ausserhalb des Nomens, noch ein Mal zu bezeichnen - eine Behauptung, die sich selber richtet.

In der That zeigt eine nähere Betrachtung der genannten Sprachen, dass das Verhältniss des Artikels zum Genus nur von untergeordnetem Werthe ist. Es ist überhaupt nur zum Theil vorhanden.

Denn was zunächst die griechische Sprache betrifft: so unterscheidet diese am Artikel zwar das Femininum vom Masculinum und Neutrum, aber diese beiden Letzteren unter einander nur im Nominative (Sing. S, Tó, Plur. oi, td) und Accusative (Sing. tóv, tó, Plur. toús, ), nicht aber im Genitive (Sing. Toũ, Plur. Tõv) und Dative (Sing. , Plur. Tois). Im Dualis verschwindet der Unterschied auch selbst für den Nominativ und Accusativ, und jenes plurale tõv gilt sogar auch für das Femininum, d. h. es ist völlig geschlechtslos.

Unter den romanischen Sprachen sind die spanische und die portugiesische die einzigen, welche beide Genera (es giebt da überhaupt nur Masculinum und Femininum) am Artikel durchweg unterscheiden (span. Sing. el, la, Plur. los, las; port. Sing. o, a, Plur. 0s, as). Auch gelten diese Formen für alle Casus, indem der Genitiv und Dativ durch vortretende Präpositionen (Casuszeichen) ausgedrückt wird. Dabei kommt aber die beachtenswerthe Erscheinung vor, dass Feminina, welche mit betontem a anfangen, im Spanischen statt des weiblichen den männlichen Artikel erhalten. Man sagt dort z. B. nicht la alma (die Seele), sondern el alma (was beiläufig an das französische mon âme für ma âme erinnert). Offenbar geschieht dies zur Vermeidung des Hiatus, es beweist aber zugleich, dass der Artikel das Geschlecht nicht allzu ernst nimmt.

Im Italienischen hat der männliche Artikel die Doppelform il und lo. Man sollte glauben, der Zweck dieser Doppelform sei ebenfalls die Vermeidung des Hiatus. Aber gerade vor Vocalen steht durchaus lo und wird dann, wie das weibliche la, apostrophirt. Das apostrophirte l' erscheint also ohne Unterschied vor männlichen wie vor weiblichen Substantiven (l'esame, l'origine), das heisst, es ist geschlechtslos; der Artikel meint es nicht ernst mit dem Geschlecht.

Das erloschene Provenzalische hat für den Artikel dieselben Geschlechtsformen lo und la und apostrophirt sie vor Vocalen eben so wie es das Italienische thut.

Die französische Sprache ist diejenige, welche die oben angedeutete Ausnahme bildet, nämlich insofern, als sie die lateinischen Wortformen sowohl im Stamme wie in den Endungen noch weit mehr als die übrigen romanischen Sprachen zerstört und dadurch den Geschlechts-Charakter derselben oft bis zur völligen. Unkenntlichkeit verdunkelt hat. Um so mehr sollte man gerade hier die Aufrechthaltung dieses Geschlechts-Charakters vom Artikel, vom Geschlechtsworte“ erwarten und fordern dürfen. Der Artikel lautet bekanntlich le, la. Man sollte also fordern dürfen, dass er der Apostrophe widerstehe, zumal da er sich dessen in der Verbindung mit onze (man sagt und schreibt z. B. le onze Avril, le und la onzième, desgleichen auch le oui) in der That fähig zeigt. Gleichwohl unterwirft er sich der Apostrophe nicht nur vor Vocalen, sondern auch vor stummem h durchaus. Wie bezeichnet also das ,,Geschlechtswort“ das Geschlecht in Beispielen wie l'or und l'eau, l'habit und l'heure? Man sage nicht, dass dieser Fall unerheblich sei. Er geht ein gutes Drittheil aller Substantiva an und erfährt noch eine beträchtliche Vermehrung dadurch, dass auch jedem andern Substantive ein so geartetes Adjectiv vortreten kann. L'aimable caractère, l'absurde doctrine was ist hier le,

was neueren.

la? Es ist, als ob der Artikel so geschlechtslos wäre wie im Hebräischen und Arabischen; es ist, als ob es die Substantiva selber wären, wie im Englischen oder Ungarischen.

Werfen wir noch einen Blick auf das Altfranzösische! Hier lautet der männliche Artikel lo, der weibliche la, und beide unterliegen der Apostrophe gleichfalls und werden dadurch geschlechtslos. Daneben findet sich aber auch die Form le, und zwar für beide Geschlechter; auch die Form li, und zwar ebenfalls für beide Geschlechter (und in beiden Numeris). Diese Formen sind schlechthin geschlechtslos. Und doch stehen sie der Zeit, in welcher sie geschaffen worden, näher als die

Sie hätten nicht so geschaffen werden können, wenn sie zu dem Zwecke geschaffen worden wären, das Geschlecht zu bezeichnen.

Der Pluralartikel hält, wie im Spanischen und Portugiesischen, so auch im Italienischen beide Geschlechter aus einander. Er lautet männlich i (gli), weiblich le.

Dasselbe thut er im Provenzalischen durch die Formen los und las. Aber gerade im Alt- und Neufranzösischen, gerade da, wo die Unterscheidung ungleich willkommener wäre als dort, hat er die eine, die geschlechtslose Form leg.

Und doch ist dies alles nicht im Stande gewesen, zu verhindern, dass die Behauptung, der Artikel diene zur Angabe des Geschlechtes, gerade in Hinsicht des Französischen, also gerade da aufgestellt worden, wo sie am Wenigsten haltbar ist. Denn meines Wissens sind gewisse französische Sprachlehren die einzigen, wenigstens die ersten, in welchen das „Geschlechtswort“ seine Rolle spielt und aus welchen es in deutsche, die ich ebenfalls als gewisse bezeichnen muss, übertragen worden. Freilich habe ich es auch in dänischen angetroffen, und eine auf Seite 444 des 30. Bandes unsers Archivs kürzlich von mir besprochene italienische Sprachlehre liefert den Beweis, dass es jetzt sogar auch dort Eingang gefunden.

Um das Walachische, das gleichfalls zu den romanischen Sprachen gehört, nicht zu übergehen, ist anzuführen, dass es die Eigentümlichkeit hat, den Artikel dem Substantive als Endung oder Nachsylbe anzuhängen. Er hat für die Geschlechter durch alle Casus besondere Formen, mit Ausnahme des Genitiv und Dativ Pluralis, wo sie für beide Geschlechter gleichlautend, d. h. geschlechtslos sind.

Was nunmehr den deutschen Artikel betrifft: so kommt er darin mit dem griechischen überein, dass er das Masculinum und Neutrum nur im Nominative und Accusative des Singularis (der, das

den, das), nicht aber im Genitive und Dative (des dem) unterscheidet. Im Pluralis ist er vollends durch alle Casus geschlechtslos (die, der, den, die).

Dasselbe ist im Holländischen der Fall. Der männliche und der sächliche Artikel lauten nur im Nom. und Acc. Sing. verschieden (de, het den, het), im Gen. und Dativ aber gleich (des, den), und die Casusformen des Pluralis (de, der, den, de) sind überhaupt geschlechtslos. Auffallend aber ist, dass das männliche de des Nom. Sing. zugleich auch für das weibliche Geschlecht gilt, so dass ihm gerade für die beiden Hauptgenera, und gerade in dem Hauptcasus, der Unterschied fehlt – eine Erscheinung, welche sich auch im Dänischen und Schwedischen wiederholt, wo übrigens der Artikel, wie im Walachischen, dem Substantive als Suffixum angehängt wird.

Es ist also ersichtlich, dass der Artikel selbst in denjenigen Sprachen, in welchen er mit unterschiedenen Geschlechtsformen ausgestattet ist, den Unterschied des Nominal-Geschlechtes dennoch, wie gesagt, nur zum Theil, Alles in Allem gerechnet etwa nur zur Hälfte wiedergiebt. Bei solcher Beschaffenheit lässt er die Behauptung, dass die Unterscheidung des NominalGeschlechtes zu seiner Aufgabe gehöre, nicht zu. Man kann mit Rücksicht darauf, dass die Merkmale des Genus an den Substantiven selbst von verschiedener, hie und da auch, wie etwa im Französischen, schwer zu erkennender Art sind, nur zugeben, dass die Wahrnehmung desselben an dem Artikel, der immer in gleichartigen Formen wiederkehrt, und in so weit es sich in diesen wirklich abspiegelt, leichter und einfacher sei und sich hierin, wo es gelegentlich darauf ankommt, ausdrucksvoller betonen lasse. Wer aber dies für die eigentliche und wesentliche Bestimmung des Artikels ansieht, der

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