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Zweimal hat in der deutschen Literatur episch - lyrische Dichtung sich gezeigt, das erste Mal in der Zeit, wo die deutsche Lyrik sich entwickelte, zu Ende des 12. Jahrhunderts. Die Entwickelung des Epos zur Lyrik ging hindurch durch eine Mittelgattung; zu ihr gehören die Gedichte, bei denen auf einer epischen Grundlage Lyrisches basirt; so heisst es in einem Liede von Dietmar v. Aist:

Es stund eine Frau alleine,
Und sah wohl über die Haide
Und harrte auf ihr Lieb.

Da sah sie 'n Falken fliegen, In diesen Worten ist die epische Grundlage gegeben, auf der im Weitern die entströmende lyrische Empfindung sich gleichsam auferbaut.

Wie wohl, o Falke, dass Dir ist,
Du fliegst, wohin Dir lieb ist,
Du erwählst Dir in dem Walde
Einen Baum, der Dir gefalle.
Also hab' auch ich gethan:
Ich erkor zum Lieb mir einen Mann,
Den erwählten meine Augen.

Des neiden schöne Frauen etc. Ganz ebenso ging die Entwickelung in der griechischen Literatur vor sich. Die homerischen Hymnen stehen auf derselben Stufe. Aus dieser Mittelgattung entwickelte sich dann gegen Ende des 12. Jahrhunderts die unter dem Namen der Minnepoesie bekannte Kunstlyrik. Auch im Gebiete der Volkspoesie entwickelt sich aus dem altepischen Liede, wie es in der altnordischen Edda für uns noch erhalten ist, eine lyrische Epik, von der in dem deutschen Volksgesange noch Ueberreste vorhanden sind. Ich erinnere nur an das rührend schöne Volkslied, was vor nicht langer Zeit in Westphalen noch gesungen worden ist, das Lied von den zwei Königskindern, das Gegenstück zu dem auf griechischer Sage beruhenden Schiller'schen Gedichte Hero und Leander, die Ballade „Joseph, lieber Joseph,“ das Original der Schiller'schen Kindesmörderin, die in der Erk und Lomerschen Volksliedersammlung enthaltene und zu wenig bekannte Ballade von dem ,Herrn von Falkenstein,“ die bis aaf die neuere Zeit im nordwestlichen Deutschland im Munde des Volkes

gewesen ist.

Herder theilt sie in hochdeutschem Texte aus der Taunusgegend, Simrock aus der Rheingegend in den „Rheinsagen aus dem Munde des Volks“ mit. Die zu Grunde liegende historische Begebenheit ist die braunschweigisch-lippische Fehde.

„Henniges von Rheden nemlich und seine Brüder wurden mit ihrem Lehnsherrn, dem Herzog Heinrich von Braunschweig und Lüneburg im Jahr 1398 in eine Fehde verwickelt, in der sie bald genug der Uebermacht des Herzogs weichen mussten, der sie ihres Eigenthums entsetzte und aus ihrem Lande vertrieb. In dieser Verlegenheit nahm sich ihrer der Edle Herr Simon zur Lippe an, und machte sie im Jahre 1403 zu Burgmännern seines Schlosses Varnholz, damit sie sich aus demselben gegen den sie verfolgenden Herzog vertheidigen könnten. - In eben diesem Jahre hatten H. Simon, der damals schon sehr alt und kränklich war, und sein Sohn Bernhard mit dem Grafen Hermann v. Eberstein eine Erbverbrüderung geschlossen, und sich dadurch die nahe Hoffnung zum Erwerb der Ebersteinischen Lande verschafft. Denn Graf Hermann von Eberstein hatte keine männlichen Erben. – Das braunschweigische Haus, welches schon damals die Besitzungen seiner mindermächtigen Nachbarn in seinen Vergrösserungsplan zog, war über die Vereitelung seiner, auf die Grafschaft Eberstein schon gefassten Absichten empfindlich, und wartete nur auf einen scheinbar gerechten Vorwand, sich deswegen an Herrn Simon und seinem Sohn Bernhard zur Lippe zu rächen. Diesen fand jetzt der Herzog Heinrich von Braunschweig und Lüneburg in der Aufnahme seiner Feinde in das Schloss Varnholz. Mit der ganzen Macht seines Hauses, welche damals nur zwischen ihm und seinem Bruder, dem Herzog Bernhard, der ihn kräftigst unterstützte, getheilt war, rüstete er sich zu einem feindlichen Einfall in die Herrschaft Lippe und war jetzt eben im Begriff, denselben auszuführen, als ihm schon der Edle Herr Bernhard zur Lippe, den angeerbte Tapferkeit und das Beispiel seines Herrn Vaters und seiner Vorfahren zu glänzenden Thaten trieb, bei Hameln mit seinen Rittern Gerhard v. Ensen, Dieterich v. Ketteler, Johann v. Drosten und Friedrich v. Brenken und seiner getreuen lippischen Landesfolge muthig entgegen kam und am 19. November 1404 am Odernberg ein hitziges Treffen lieferte. Der Sieg krönte Herrn Bernhard. Das braunschweigische Heer wurde geschlagen, zerstreut, und der Herzog selbst mit vielen seiner Vasallen gefangen genommen.

Die Beute war gross und reich. Der Herzog musste es sich gefallen lassen, die erste Nacht in einem Wartthurme, der vor diesem an der Burg in Barntrug stand, zuzubringen, den andern Tag bis Blomberg zu reiten und am dritten sich in das feste Bergschloss Falkenberg im Lippischen Wald zu begeben, worinnen er in einer Kammer, welche von ihm nachher die Fürstenkammer hiess, und die man noch im 17. Jahrhundert unter den Ruinen des Schlosses zeigte, 3/4 Jahr lang als Gefangener verwahrt wurde. Das Andenken dieser Gefangenschaft des Herzogs im Schlosse Falkenberg überlieferten die Bewohner des Lippischen Waldes, nach uralter deutscher Sitte, ihren Nachkommen durch ein Volkslied, etc. Der Umstand, dass die Herzogin v. Braunschweig selbst zu Herrn Bernhard zur Lippe kam, und die Befreiung ihres Gemahls von ihm erbat, würde ohne das Falkenbergische Lied, das sie mit Herrn Bernhard redend einführt, der Nachwelt nicht aufbehalten worden sein, da alle gedruckte und geschriebene Nachricht von der braunschweigisch - lippischen Fehde ihn verschwiegen håben.“

Herr von Falkenstein.
Mündlich, aus Steinhagen in Westphalen.

Ick sah minen Heern von Falkensteen
To siner Burg oprieden;
Enen Schild hadde he in siner Hand,
Blank Schwerd an siner Syden.

„Gott grüsse ju, Heer von Falkensteen!
Sin ji des Lannes Heere?
So givet mi wier den Gefangenen min,
Um aller Jungfern Ehre!"

„„De Gefangene, den ick gefangen hewwe,
De is mi woren suer:
He liegt to Falkensteen in den Thaurn;
Dorinn sal he verfulen!“6

„Sitt he to Falkensteen in den Thaurn,
Soll he dorinn verfulen;
Sau will ick mal tiegen de Müren trein (treten)
Un helpen Leefken truren.“

Un as se wal tiegen de Müren trat,
Hört se ihr Leefken drinne:
„Sall ick ju helpen? dat ick nich kann,
Dat nimmt mi Witz un Sinne!“

„„Na Hus, na Hus, Frau Leweste fien,
Un treistet jue arme Weisen!
Nimet ju upt Johr enen annern Mann,
De ju kann helpen truren.“«!

„Neim ick upt Johr enen annern Mann,
Mösst ick by em jo schlopen!
Ick lete doch min Truren nich,
Schlög he mine arme Weisen.“

„Ei, sau wult ick, dat ick en Zelter hedde,
Un dat de Jungfruen rieden,
Sau wult ick met dem Heeren von Falkensteen
Üm minen finen Lewesten strieden!“

,,I ne, i ne, schöne Jungefruwe zart!
Dat mösst ick dreigen Schanne;
Nimt ji juen Lewesten by der Hand,
Un treckt met em ut dem Lanne!““

„Ut dinen Lanne treck ick sau nich,
Du gifst mi dann en Schriewen,
Wenn ick nu kumme int frümde Land,
Dat ick dorinn kann bliewen.“

Os se in ene graute Heede kam,
Wal lut fonk se an to singen:
„Nu kann ick den Heeren von Falkensteen
Met minen Worsen twingen!“

„Un wenn ick dat nich seggen kann,
Dohenn will ick et schriewen,
Dat ick den Heeren von Falkensteen
Mit menen Worren kann twingen.“

Dergleichen ist noch viel durch mündliche Tradition aufbewahrt worden bis auf diesen Tag; aber im Vergleich zu dem, was ehedem lebte, sind's doch nur Trümmer, die an in's Meer versunkne Städte gemahnen, deren Kirchthürme und Dächer der Sage nach von Schiffern bei klarem Wetter noch öfter gesehn werden und aus denen bisweilen noch Glockentöne heraufklingen. „Dem Verschwinden und der Armuth unsrer heimathlichen Ueberlieferung steht entgegen die längere Dauer und die Fülle der Ueberlieferung nah verwandter Bruderstämme, der scandinavischen Völker. Im scandinavischen Norden zwischen starren Eisesklippen, in versteckten dem Verkehr mehr oder weniger unzugänglichen Thälern und Gebirgen hat bis in diese Zeit der alte Volksgesang eine sichere Freistätte gehabt. Auf den Orkney - Inseln hat sich eine nicht unbeträchtliche Anzahl von Eddaliedern durch lebendige Tradition erhalten. Kein einziges Lied, keine einzige Ballade hat sich bei uns in so ursprünglicher Gestalt gehalten wie bei den Schweden und Schotten. So steht, um das nur mit einem Beispiel zu belegen, das schon vorhin erwähnte Lied von den zwei Königskindern, das übrigens, wie es in der Uhland'schen Sammlung vorliegt, in Münster'scher Mundart durch die kürzlich verstorbne, als Dichterin rühmlichst bekannte Anna v. Droste-Hülshoff aus dem Mundé des Volks aufgezeichnet ist, in Rücksicht auf Ursprünglichkeit doch in etwas dem entsprechenden schwedischen Liede nach.

Es ist durchaus nicht meine Meinung, dass durch eine Vergleichung unsrer deutschen Ballade irgend Eintrag geschähe durch das Zugeständnis, dass die schwedische den Eindruck grösserer Ursprünglichkeit macht. Die Züge, die ihr verloren gegangen sind, haben für das Verständnis nur untergeordnete Bedeutung, der Vorzüge aber sind so viel, dass sie immer als eine der köstlichsten Perlen der Volkspoesie gelten wird.

Unter den Balladen der Kunstpoesie neuerer Zeit nimmt Bürgers Lenore in Bezug auf die Zeit, in der sie entstand, in Bezug auf kijestlerische Vollendung und die auf diesen beiden Punkten beruhende Stellung in der Entwicklung unsrer deutschen Literatur einen hohen Rang ein. Bürger hat mit dieser Dichtung, was die Wahl des Stoffes angeht; einen glücklichen Griff

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