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Goethe und Tischbein. *)

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Die Nummern 348 und 349 der Kölnischen-Zeitung vom letztverwichenen December enthalten eine Besprechung der von mir im vorigen Jahre veröffentlichten Autobiographie Wilhelm Tischbein's. Diese Beurtheilung rührt von einem der gründlichsten Kenner der Literaturgeschichte, von Heinrich Düntzer her; bietet sehr charakteristische Auszüge; ist anerkennend, und übt namentlich in Betreff meines geringen Antheils an obigem Werke eine äusserst gütige Nachsicht

Und doch hat mich dieser Artikel, den ich nur zufälligerweise, leider auch erst sehr spät zu Gesicht bekommen habe, und obenein zu einer Zeit, in welcher ich absolut behindert war, näher darauf einzugehen, schmerzlich berührt. Der geehrte Berichterstatter nämlich, der zwar im Allgemeinen den Verdiensten Tischbein's die gebührende Anerkennung nicht versagt, lässt doch eine grosse Voreingenommenheit gegen den trefflichen Künstler durchblicken. So heisst es z. B.: halb Tischbein seinen Freund Waagen nicht nach Kassel zurückbegleitete, sondern in der Schweiz zurückblieb, hören wir nicht; wahrscheinlich hatte er den Anforderungen des Landgrafen nicht genügt, der ihm jedoch die Anwartschaft auf die Stelle seines Oheims bei der Akademie zugesagt.“ Gegen diese Auffassung des Sachverhalts ist einfach zu erwiedern, dass man, wie in Beck's Lebensbeschreibung Ernsts II. von Gotha (p. 261 und 266) zu lesen ist, in Kassel aus

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*) Der nachfolgenden Ehrenrettung Tischbein's hat leider die Redaction der Kölnischen Zeitung die Aufnahme verweigert, und zwar unter dem Bemerken, dass sich „ein politisches Blatt in eine so specielle Polemik nicht einlassen könne.“ Für die umfangreicheren Invectiven wider Tischbein waren die Spalten jenes Blattes nicht zu beschränkt.

unzeitiger Sparsamkeit mit dem versprochenen Reisestipendium nicht Wort hielt. Nur aus Edelmuth brachte Tischbein diesen Umstand nicht vor die Oeffentlichkeit, (s. Beck, p. 268). Dennoch musste er wohl den Ansprüchen des kasseler Hofes genügt haben, weil man fortwährend bemüht war, ihn für die dortige Akademie zu gewinnen, wie namentlich aus einem Briefe des Grafen von Bohlen, d. d. 7. October 1806, hervorgeht. Tischbein wollte aber für die zu knappe Besoldung seine Freiheit und Musse nicht opfern. Leider aber erstreckt sich diese Voreingenommenheit auch auf den ehrenwerthen Charakter Tischbein's. So will Düntzer sogar ,die Darstellung der Begebnisse nicht überall für ungetrübt, und der reinsten Wahrheit gemäss halten. Er begründet diese Ansicht durch Hinweisung auf den, seiner Meinung nach, „die Sache entstellenden Bericht über das durch Goethe beim Herzoge von Gotha erwirkte Reisestipendium; über die Differenz mit dem Herzoge Ernst von Gotha, und über Tischbein's Bewerbung um die Directorstelle an der Akademie zu Neapel. Referent muss bekennen, dass er in den berührten Fällen eine so wesentliche Abweichung von den übrigen Berichterstattern nicht finden kann, um daraus Tischbein's Glaubwürdigkeit in Zweifel zu ziehen, und dass er keinen Augenblick ansteht, wo in einzelnen Punkten eine Uebereinstimmung der Berichte nicht stattfindet, sich entschieden auf Tischbein's Seite zu stellen. Musste dieser doch in den oben erwähnten, ihn persönlich berührenden Angelegenheiten nicht allein besser unterrichtet sein, als die übrigen Berichterstatter; sondern galt er doch auch bei Allen, welche ihn näher kannten, für unbedingt wahrheitsliebend, und für einen Mann des kindlich-naivsten, redlichsten und wohlwollendsten Charakters. Und ein so edler Mensch soll dennoch „etwas zur Intrigue geneigt“ gewesen sein, und muss die wenig schmeichelhafte Beschönigung über sich ergehen lassen: „Drückende äussere Verhältnisse schlagen leider zu oft selbst in die Seelen gemüth. licher Naturen, die sich aus ihnen herausgearbeitet haben, traurige Falten und trüben die strahlende Reinheit zuverlässiger Offenheit, so dass derjenige, der ihnen vertraut, in der Gefahr steht, besonders wenn sie seiner Hülfe nicht mehr bedürfen, von ihnen verrathen und verkauft zu werden. Aehnlich wird es sich auch mit dem guten, von Natur ganz arglosen Tischbein verhalten haben. Noth und stachelnder Ehrgeiz verleiteten ihn, seine Absichten zu verheimlichen, günstige Anerbietungen anzunehmen, ohne sich ein Gewissen daraus zu machen, sich später einseitig von den eingegangenen Bedingungen zu entbinden, nur seinen eigenen Vortheil stets im Sinne zu haben, von Recht und Billigkeit Anderen gegenüber, wo diese ihm lästig wurden, Umgang zu nehmen. Bei dem Verhältnisse zum Landgrafen von Kassel und zum Herzoge von Gotha hatte sich diese Unredlichkeit gerochen, und auch Goethe's Zutrauen hatte er dadurch eingebüsst. Leider rächt sich eine derartige Falschheit nicht immer der Art, sondern Manche gelangen auf diesem Wege zu den einflussreichsten Stellungen im Leben, um die verderblichste Wirksamkeit auf weite, ihrer Unredlichkeit überlieferte Kreise mit souverainer Verachtung jedes Rechtes auszuüben.“ (!!)

Es fragt sich nun, wodurch über diesen Treuesten der Treuen eine so äusserst ungünstige Meinung veranlasst sein kann? Und da zeigt sich denn als die einzige Quelle eine Aeusserung des von Tischbein innig verebrten Freundes Goethe. Dieser hatte es nämlich, nach Tischbein's Erläuterung gegen seinen Freund, den. Consistorialrath Römer zu Braunschweig, sehr übel vermerkt, dass Tischbein, der sich dem Freunde zu Rom und Neapel mit der aufopferndsten Hingebung als Gesellschafter und Kunstführer gewidmet hatte, und ihm durch seine geistreichen, anregenden Skizzen, so wie durch die von den merkwürdigsten Punkten aufgenommenen Erinnerungsblätter werth geworden war, ihn nicht nach Sicilien begleiten konnte, weil er sich gerade um die erledigte Directorstelle in Neapel bewarb. Kniep, der nun statt Tischbein's als Begleiter eingeschoben wurde, mochte allerdings kein vollständiger Ersatz sein. Und da sich die Entscheidung über das neapolitaner Directorat ungebührlich in die Länge zog, und Tischbein, der nach Goethe's eigenem Ausspruche (Band XXVIII. p. 58), „als Mensch und Künstler von tausend Gedanken hin- und hergetrieben, von hundert Personen in Anspruch genommen wurde, und nicht freien Theil an eines Andern Existenz nehmen konnte, weil er sein eigenes Bestreben so eingeengt fühlte,“ der aber auch nebenbei bemerkt, in ächtkünstlerischer Genialität alle Geschäftsangelegenheiten mit Nachlässigkeit betrieb, den Freund auf die verheissene Rückkehr nach Rom vergeblich harren, und das daselbst eingerichtete Atelier leer stehen liess: so veranlasste dieses Missgeschick im Verkehre zwischen Goethe und Tischbein eine empfindliche Kühle. Diese Missstimmung nun veranlasste Goethen unter dem 2. October 1787 zu der unwilligen Aeusserung gegen die Seinigen: „Ihr glaubt nicht, wie nützlich, aber auch wie schwer es mir war, dieses ganze Jahr absolut unter fremden. Menschen zu leben, besonders da Tischbein, dies sei unter uns gesagt, nicht so einschlug wie ich hoffte. Er ist ein wirklich guter Mensch, aber er ist nicht so rein, so natürlich, so offen wie seine Briefe. Seinen Charakter kann ich nur mündlich schildern, um ihm nicht unrecht zu thun, und was will eine Schilderung heissen, die man so macht. Das Leben eines Menschen ist sein Charakter.“ (Goethe's Werke XXIX. p. 106). Einen näheren Einblick über den Grund dieser Missstimmung erhalten wir durch Goethe's Aeusserung vom April 1788: „Tischbein verweilte noch immer in Neapel, ob er schon seine Zurückkunft im Frühling wiederholt angekündigt hatte. Es war sonst mit ihm gut leben, nur ein gewisser Tik war auf die Länge beschwerlich. Er liess nämlich alles was er zu thun vorhatte, in einer Art Unbestimmtheit, wodurch er oft, ohne eigentlich bösen Willen, andere zu Schaden und Unlust brachte. So erging es mir nun auch in diesem Falle ; ich musste, wenn er zurückkehrte, um uns Alle bequem logirt zu sehen, das Quartier verändern, und da die obere Etage unseres Hauses eben leer ward, säumte ich nicht sie zu miethen und sie zu beziehen, damit er bei seiner Ankunft in der untern alles bereit fände.“ (Goethe's Werke XXIX. p. 324). Lautet dieses schon für den Angeschuldigten nicht allzu gefäbrlich, so erfahren wir durch Goethe auch,(Band XXXVII. p. 288), warum Tischbein nicht so recht eingeschlagen sein soll. In Hackert's Biographie heisst es nämlich: „So lange er in Rom war, malte er sehr gut und versprach viel. - Nachher verliess er das Malen, legte sich auf's Zeichnen, besonders hetrurischer Vasen, wodurch er vielleicht seinem eigentlichen Malertalent Abbruch that.“ – Diesen Vasenzeichnungen, die für die Kunstgeschichte von unschätzbarem Werthe wurden, zollte freilich Goethe selbst später die unbedingteste Anerkennung. Dass übrigens die Missstimmung zwischen den Freunden später ausgeglichen wurde, und Goethe sich überhaupt wohlwollender, als hier, über Tischbein auszusprechen pflegte, dafür lassen sich aus Goethe's Werken viele Belege aufführen, welche grösstentheils aus späterer Zeit stammen. (Goethe's Werke 1827-1833. II. 165—168; III. 128 134; XXVII. 214, 222, 246, 247, 284; XXVIII. 34, 62--63, 244; XXIX. 8, 141; XXXI. 98; XXXIX. 182-209.) Den besten Beleg aber bieten Goethe's Briefe an Tischbein, welche bisher noch nicht veröffentlicht worden sind, und daher nach einer sorgfältigen Ab

schrift mit allen Eigenthümlichkeiten der Interpunction und Orthographie hier eingereihet werden mögen.

Goethe an Wilh. Tischbein.

Weimar, den 24. Februar 1806. Ihre Briefe, mein bester Tischbein, haben mir sehr viel Freude gemacht, wie alles übrige, was Sie schriftlich nach Weimar erlassen haben. Vorzüglich aber sey Ihnen Dank gesagt für die grössern und kleinern Zeichnungen, die Sie uns mittheilten, die uns genugsam überzeugten, dass Ihr Sinn für die Natur noch der alte ist, dass Sie Ihre Arbeiten noch immer durch geistreiche Gedanken beleben und bedeutend machen, und dass die in Italien angezündete Flamme des guten Stils und eines freyeren Lebens noch wacker bey Ihnen fortbrennt. stens sollen in Ihr heiteres Buch auch einige Worte von uns eingezeichnet werden, und wenn Sie diese schönen Blätter zurückerhalten, so versäumen Sie ja nicht uns von Zeit zu Zeit etwas neues zu senden. Besonders verlangend wäre ich, Ihre Cassandra, auch nur in dem leichtesten Federumrisse zu sehen, wodurch man sich doch wenigstens die Composition vergegenwärtigte. Ich habe noch alle Blätter aufgehoben, auf welchen Sie mit wenigen Strichen so viel bedeutendes vor den Geist brachten.

Herr Albers hat sehr viel Anlagen und ist von uns auf das freundlichste behandelt worden. Ich danke Ihnen für die nähere Schilderung dieses werthen Mannes. Lassen Sie mich doch manchmal etwas von Ihren Umgebungen erfahren. Es ist höchst erfreulich zu empfinden, dass frühere gute Verhältnisse durch Zeit und Entfernung nicht leiden, ja sich eher durch fortdauernde Wirkung verbessern.

Goethe.

Eine Sendung, die heut an Sie abgeht, muss ich doch auch mit einigen Worten begleiten und Ihnen von meiner Seite für die Mittheilung so angenehmer und lehrreicher Bilder meinen lebhaften Dank sagen. Fabren Sie ja fort uns von Zeit zu Zeit einiges zu senden: denn noch zuletzt haben Sie durch die Schatzgräber und Hexenmeister mir und allen Kunstfreunden ein grosses Vergnügen gemacht. Auch ist Ihre Entwickelung dieses schätzbaren Bildes erfreulich und gut gerathen und es wird mir eine frohe Stunde machen, wenn ich nächstens daran gehe und Ihnen auch noch einige Worte darüber sage.

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