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Nun scheint unter allen räthselhaften Sphinrgestalten göthescher Poesie Wilhelm Meister diejenige zu sein, welche den Postulaten unserer Zeit, einer neuen Periode des Sturmes und Dranges, des politischen Zerfalls und der socialen Anarchie, am meisten entgegenkommt, weil fie mehr als jede andere göthesdhe Dichtung auf dem Raine zweier Weltalter gelagert ihr geheimnisvolles Antliß einer Zukunft zuwendet, deren ges fellschaftliche Organisation por dem lebenden Geschlechte schmerzlich eifrig angestrebt wird. Wenn man dies in die Ferne Deuten Wilhelm Meister’s zugibt, dürfte man auch erkennen wollen, daß weder die späte Vollendung des Werkes noch die lehrhaft reflectirende und deshalb an das tiefere Denken appels lirende Art der Wanderjahre in ihrer ungewöhnlichen und so wenig romanhaften Composition Sdult daran gewesen, daß Publikum uno literarische Kritik diesem großartigen Werke biss her die sparsamste Gunst zugewandt haben.

Und so meine ich, daß die sociale Idee, welche im Wilhelm Meister, besonders in den Wanderiahren, ausges sprochen ist, erst die Gegenwart erwartete, um bei der allges meinen Umgestaltung, in welcher Kirdje, Staat und Gesellschaft begriffen sind, da das System der Aristokratie allerwegen in die demokratischen Elemente fich aufzulösen bestrebt, erst ganz gewürdigt und ergriffen zu werden. Denn der Mensch unseres Zeitalters ist hierin Wilhelm Meister nahe verwandt, daß er von den sonnigen Gipfeln des Bewußtseins, zu denen er sich allgemach emporgerungen, mit Erstaunen die Resultate seiner Irrtümer und Bildungsphasen übersieht und als Ges wordener nun auch sein ferneres Werden und Sollen begreift. Es ist aber nichts, woran die Menschheit seit der Periode der

Aufklärung und der Revolution, in deren Feuern die Welt seit mehr als zweien Menschenaltern fortdauernd fich reinigt, ges lernt, gesammelt, sich heraufgebildet und sich befreit hat, was nicht in Göthes Wilhelm Meister reflectirte, um das Mensch liche in ein Totalbild zu fassen, worin fich der Mensch humas ner noch, als er schon geworden, wiedererkenne.

Friedrich Sdlegel sagte schon von den Lehrjahren (Charafteristiken und Kritifen von A. W. Schlegel und Fr. Schlegel I.): „ Man darf es (das Buch) nur auf die höchs ften Begriffe beziehen, und es nicht bloß so nehmen, wie es gewöhnlich auf dem Standpunkt des gesellschaftlichen Lebens genommen wird, als einen Roman, wo Personen und Beges benheiten der lekte Endzweck sind. Denn dieses schlechthin neue und einzige Buch, welches man nur aus fich felbft verstehen lernen kann, nach einem aus Gewohnheit und Glauben, aus zufälligen Erfahrungen und willkürlichen Forderungen zusammengesegten und entstandenen Gattungsbegriff beurtheilen; das ist, als wenn ein Kind Mond und Gestirne mit der Hand greifen und in fein Schächtelchen packen will." Wenn nun die bisherige Kritik das wundersame Kunstwerk aus ästhetischen Gesichtspunkten vielfach und trefflich beleuchtet hat und kaum tiefsinnigere Deutungen gegeben werden können, als fie Fries drich Schlegel und Schiller über die Lehrjahre gaben, so fehlt noch diejenige Beziehung des Wilhelm Meister, zumal der stiefmütterlich behandelten Wanderjahre, auf die Lebensäußerungen der Gegenwart, welche sich dem Betrachter heute aufdrängen muß, wo manche sibylinische und orphische Urworte Göthe's eigentlich erst beginnen von der Welt vernommen zu werden.

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